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    2010-05-25 Seitenmeister


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       ATICOM-Förderpreis


    Laudatio von Reiner Heard anlässlich der Verleihung des ATICOM-Förderpreises 2002 an Frau Tanja Burger*
    auf der Absolventenfeier der Fachhochschule München am 29.6.2002
    (* inzwischen: Tanja Frank)


    Sehr geehrte Damen und Herren,

    als Vertreter der Praxis und des Fachverbands der Berufsübersetzer und Berufsdolmetscher ATICOM freue ich mich besonders, heute Abend in diesem festlichen Rahmen den ATICOM-Förderpreis an Frau Tanja Burger für ihre herausragende Leistung im Rahmen des Studiengangs Übersetzen und Dolmetschen an der Fachhochschule München überreichen zu können.


     
     Verleihung des ATICOM-Preises 2002 Preisträgerin Tanja Burger und ATICOM-Vorstand Reiner Heard

    In diesem Kreis sehe ich viele erwartungsvolle Mienen (vielleicht wegen des anschließenden Essens). Lassen Sie mich aber kurz auf die verschiedenen Erwartungen eingehen.

    Was haben die Absolventen vom Studium erwartet? Diese Frage kann ich nicht beantworten, aber ich bin sicher, dass Sie nicht enttäuscht worden sind. Jedenfalls habe ich den Eindruck gewonnen, dass der hiesige Studiengang Übersetzen und Dolmetschen sehr praxisbezogen ist, obwohl - oder vielleicht gerade weil - er im Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen eingebettet ist. Sehr interessant finde ich die Kernaussage im Internet: "Die Originalität des Studiengangs beruht auf seiner interdisziplinären, integrativen und für neue Berufsbilder qualifizierenden Ausrichtung."

    Haben die Absolventen die Erwartungen des Lehrkörpers erfüllt? Mit ihrer Leistung hat die heutige Preisträgerin dies bestimmt erreicht.

    Was erwarten Sie, die Diplomanden, jetzt vom Berufsleben? Durch ein Praktikum haben Sie einen Vorgeschmack bekommen, so dass Sie keine unrealistischen Vorstellungen mehr haben.

    Sie sollten sich aber davor hüten zu glauben, dass Sie jetzt sozusagen ausgelernt haben. Eine Bereitschaft, sich ständig weiterzubilden, ist in unserem Beruf unerlässlich. In dieser Hinsicht kann ein Berufsverband wie ATICOM eine wichtige Rolle spielen mit Fachseminaren und Veranstaltungen zu solchen Themen wie Marketing, Kosten und Kalkulation, Qualitätssicherung und elektronischen Werkzeugen.

    Innerhalb des Verbandes ist es auch möglich, sich zu informieren und auszutauschen, Netzwerke und Formen der Zusammenarbeit aufzubauen. Grenzüberschreitende Kontakte können zum Beispiel im Rahmen des Réseau franco-allemand geknüpft werden, dessen Jahrestreffen Übersetzer und Dolmetscher aus Französisch sprechenden Ländern zusammenbringt.

    Zurück zu den Erwartungen: Was erwartet der Markt von Ihnen, den Absolventen? Recht aufschlussreich in dieser Hinsicht sind die Stellenanzeigen für Übersetzer und Dolmetscher.

    Ein Stellenangebot hier aus München forderte neulich vom Bewerber: "analytisches Denkvermögen; selbstständige und zielgerichtete Arbeitsweise; Serviceorientierung; sehr gute PC-Kenntnisse und die Bereitschaft zur Teamarbeit". Hier sind vielleicht die wichtigsten Anforderungen aufgeführt.

    Übrigens ist eine Übersicht verschiedener, an Übersetzer und Dolmetscher gestellte Anforderungen von einer Arbeitsgruppe des Transforum, des Koordinierungsausschusses Praxis und Lehre, zusammengestellt worden; sie ist jetzt im Internet abrufbar.

    Seltsamerweise erwähnen die Anzeigen relativ selten solche Eigenschaften wie Belastbarkeit und Stressresistenz. Vor ein paar Tagen las ich jedoch in einem Hamburger Stellenangebot für einen Übersetzer: "Sie sind es gewohnt, schnell, präzise und unter großer Belastung im Schichtdienst und an Sonn- und Feiertagen zu arbeiten"! Ominös wurde in einer anderen Anzeige verlangt: "Bereitschaft zur Übernahme von Sonderdiensten".

    Es ist aber eine Tatsache, dass die Anforderungen aus der Praxis sich ständig ändern und steigen. Ich bin sicher, dass die hiesigen Diplomanden dafür gut gerüstet sind.

    Die heutige Preisträgerin hat bereits erhebliche praktische Erfahrung. Dies schlägt sich auch nieder in ihrer Diplomarbeit mit dem Titel "Die translatorischen Aspekte der Synchronisation - Vom französischen Original zur deutschen Endfassung".

    In dem Schreiben, mit dem sie als Kandidatin vorgeschlagen wurde, hieß es: "Die Diplomarbeit besticht durch den klaren Aufbau, die konzise Darstellung sowie eine extreme Informationsdichte, gepaart mit einem äußerst instruktiven Facettenreichtum in der Behandlung der unterschiedlichen Aspekte der Synchronisation."

    Das erklärte Ziel der Preisträgerin war, wie sie es formulierte: "In dieser Arbeit soll neben einer allgemeinen Einführung in die Materie der Filmsynchronisation einmal das im Rampenlicht stehen, was auch in der Translationswissenschaft bisher kaum Beachtung findet: die Synchronübersetzung."

    Es gibt ja eine Art Glaubenskrieg in dieser Hinsicht; ich werde mich hier aber nicht damit befassen, ob man Untertiteln oder der Synchronisation den Vorzug geben sollte. Es ist aber interessant aus der Diplomarbeit zu erfahren, dass die Synchronisation rund fünf Mal teurer als die Untertitelung ist.

    Die Arbeit ist wirklich eine faszinierende Lektüre. Es wird unter anderem anhand des Filmes "Die fabelhafte Welt der Amélie" sehr anschaulich dargestellt, welche spezifische Leistung hinter dieser Art des Übersetzens steckt und welche Probleme und Sachzwänge es für den Übersetzer als Ersteller der sogenannten Rohübersetzung gibt.

    Aber auch die Lippen- und Silbensynchronität erfordern viele Kompromisse, d.h. Änderungen oder Abstriche an der Übersetzung. Es wird auch ersichtlich, dass manche Stilbrüche nicht durch den Übersetzer, sondern durch den Synchrondialogbuchautor verursacht werden.

    Bei dieser Art des Übersetzens spielen landeskundliche Kenntnisse eine sehr wichtige Rolle. Zu diesem Thema gab es vor kurzem einen recht interessanten Artikel von Claire Allignol in Lebende Sprachen1 mit dem Titel "Aus dem Französischen übersetzen: Welche landeskundlichen Kenntnisse benötigen die angehenden ÜbersetzerInnen / DolmetscherInnen?" Dieser Artikel verdeutlicht die hohen Anforderungen, die an Übersetzer und Dolmetscher gestellt werden, die ohne entsprechende Ausbildung nicht zu erfüllen sind.

    Es wird in der Diplomarbeit besonders klar, dass das Übersetzen bei der Synchronisation Teil einer Kette oder eines Prozesses ist, in dem die Übersetzung ca. 2 % der Kosten ausmacht. Ist dies angemessen? fragt man sich.

    Wie Frau Burger es treffend formuliert hat: "Synchron- und Übersetzerbranche teilen ein Schicksal: Sie führen ein Schattendasein, aus dem sie aufgrund ihrer Ausrichtung gar nicht erst heraustreten können. Die Arbeit findet ausschließlich hinter den Kulissen statt und wird erst registriert, wenn sie schlecht ausgeführt wurde."

    Dennoch tragen die Übersetzer eine erhebliche Verantwortung. Leider wird dies in vielen Fällen nicht angemessen honoriert. Als Interessenvertretung der Übersetzer und Dolmetscher ist ATICOM bestrebt, Verbesserungen in dieser Hinsicht herbeizuführen.

    Für die Preisträgerin bedeutet der Preis auch eine Jahresmitgliedschaft im Verband, sozusagen als "Schnupperangebot" zum Kennenlernen. Aber genug des Erwartens und Wartens! Es bereitet mir jetzt eine besondere Freude, den ATICOM-Förderpreis an Frau Tanja Burger als Anerkennung für ihre außergewöhnliche Leistung zu überreichen. Wir gratulieren ihr sehr herzlich und wünschen ihr – wie auch allen Absolventen – beruflichen Erfolg.


     


    1 Lebende Sprachen Nr. 1/2002, S. 31-39 zurück



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