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Sehr geehrte Damen und Herren,
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es ist mir eine besondere Ehre als Vertreter von ATICOM - dem Fachverband der Berufsübersetzer und Berufsdolmetscher e.V. - heute Frau Doreen Girndt für ihre hervorragenden Leistungen als jahrgangsbeste Absolventin des Diplom-Übersetzer-Studiengangs am Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie der Universität Leipzig einen Preis zu überreichen.
Besonders anerkennenswert ist die von Frau Girndt verfasste Diplomarbeit. Sie trägt den Titel: "Honig. Von der Honigbiene zum fertigen Produkt. Eine terminologische Untersuchung im Deutschen und Englischen."
In dem Schreiben, in dem Professor Schmitt Frau Girndt als Preisträgerin vorschlug, heißt es: "Die Zweitgutachterin Dr. Aupperle, die eine Expertin auf dem Gebiet der Imkerei ist, war absolut beeindruckt von dieser Arbeit und meinte, dass es im Bereich der Imkerei kein Kompendium gebe, das derart informativ, wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig gut verständlich sei, ganz abgesehen vom Aspekt des Kulturvergleichs und vom Glossar, das es bislang ohnehin nicht gegeben hat."
Diese sehr umfassende Arbeit hat auch mich beeindruckt. Den Teil über die Translationsprobleme fand ich als Praktiker besonders interessant. Hier überzeuge das Kapitel zu den - wie Frau Girndt es formulierte - lexikalischen Lücken, also fehlenden Benennungen in einer der beiden Arbeitssprachen, oder semantischen Inkongruenzen, d.h. unterschiedlichen Begriffssystemen.
In dem von mir geleiteten Sprachendienst eines Industrieunternehmens spielen Terminologien und deren Verwaltung natürlich eine sehr wichtige Rolle. Tagtäglich muss man sich auf vielen Gebieten - sei es Recht, Technik oder Wirtschaft - mit terminologischen Problemen auseinandersetzen.
So kommt es nahezu täglich vor, dass man uns aus dem Zusammenhang gerissene, einzelne Wörter oder Halbsätze zuruft oder zumailt, die sofort übersetzt werden sollen. Man wird zum Beispiel lapidar gefragt: Wie lautet "Bestandsaufnahme der Anlagen" auf Englisch? Ohne Kontext kann man das natürlich nicht übersetzen. Es könnten Verdichteranlagen, Grünanlagen, Geldanlagen oder gar Stereoanlagen gemeint sein.
Dann muss eventuell die Sekretärin des Auskunft suchenden Vorstands ihn bei einer wichtigen Besprechung stören, um den Kontext zu erfragen, oder der Übersetzer muss, um das zu vermeiden, unzählige Lösungsmöglichkeiten anbieten.
Zurück zu Ihnen, liebe Frau Girndt. Beeindruckend war auch der Rechercheaufwand, den Sie für Ihre Diplomarbeit betrieben haben. In seinem Gutachten über Ihre Arbeit schreibt Professor Schmitt: "In geradezu übertriebener Bescheidenheit erwähnt die Verfasserin nicht, welcher Aufwand nötig war, um an manche der Quellen zu kommen - einen Eindruck vom kolossalen Rechercheaufwand, den die Verfasserin betrieben hat, vermittelt die Danksagung."
In der täglichen Arbeitspraxis eines Übersetzers sind die Recherchen zwar heute durch das Internet und Content-Management-Systeme erheblich leichter zu betreiben als noch vor einigen Jahren. Trotzdem stößt man immer wieder an zeitliche Grenzen.
Die Preisträgerin ist bereits mit der Praxis vertraut, da sie seit einiger Zeit als freiberufliche Übersetzerin und Fremdsprachendozentin tätig ist. Vermutlich hat sie die besonderen Anforderungen an unsere Zunft schon hautnah erlebt. Eigenschaften wie besondere Flexibilität und überdurchschnittliche Einsatzbereitschaft, hohe Belastbarkeit und Stressresistenz haben seit eh und je den Übersetzerberuf gekennzeichnet.
Aber aus meiner Sicht ist der Termindruck nahezu unerträglich geworden. Wenn Aufträge telefonisch vergeben werden, wird nicht selten gleich als Erstes gefragt "Wann können Sie liefern?", ohne vorher den Umfang des Auftrags mitgeteilt zu haben.
Um dieses Problem der Eilbedürftigkeit in den Griff zu bekommen, hat ein Kollege auf einem Weltübersetzerkongress vorgeschlagen, sich auf einer Insel an der Datumsgrenze niederzulassen. Dann könne man die Übersetzung bereits am Vortag abliefern!
Die soeben genannten Eigenschaften werden in den Stellenanzeigen für Übersetzer und Dolmetscher aufgeführt. Erwähnt werden auch solche Qualitäten und Fähigkeiten wie Teamgeist, Organisationstalent, Kommunikationsfähigkeit und Lernbereitschaft.
In einer Stellenanzeige hieß es sogar bei den Anforderungen: "Humor zeigen und Spaß haben." Humor ist in der Tat vonnöten, vor allem bei manchen Terminvorstellungen der Auftraggeber!
Auch bei den Freiberuflern ist die Teamfähigkeit gefragt, d.h. Zusammenarbeit - sei es als Partnerschaftsgesellschaft, Bürogemeinschaft oder in einer anderen Form. Sonst wird es sehr schwierig sein, sich auf Dauer gegenüber den Übersetzungsagenturen zu behaupten.
Es gibt aber auch ständig neue Herausforderungen: Übersetzer sind nicht nur Sprach- und Kulturmittler, sondern werden zunehmend auch zu Sprachdetektiven und Kryptologen - nicht etwa weil die Texte handgeschrieben sind, wie dies früher der Fall war, sondern weil Englisch als eine Art lingua franca dient, die selten von allen Beteiligten adäquat beherrscht wird.
Der Zeitdruck führt auch vermehrt zu unverständlichen Formulierungen und Auslassungen in den Ausgangstexten. Hier sind Interpretationsfähigkeiten gefordert, die ein maschinelles Übersetzungssystem wohl nie aufweisen wird.
Jedoch möchte ich die heute anwesenden Studierenden nicht abschrecken, sondern nur für realistische Erwartungen sorgen und zeigen, dass die Praxis - um im Bild zu bleiben - kein Honigschlecken ist.
Eine Übersicht der verschiedenen an Übersetzer und Dolmetscher gestellten Anforderungen ist übrigens von einer Arbeitsgruppe des Transforum, des Koordinierungsausschusses Praxis und Lehre, zusammengestellt worden. Sie ist im Internet abrufbar.
Im Studium ist es wichtig, die Nähe zur Praxis sicherzustellen. Ich bin überzeugt, dass dies an diesem Institut der Universität Leipzig, einer der auf dem Gebiet des Dolmetschens und Übersetzens angesehensten Ausbildungseinrichtungen Deutschlands, gut gelingt.
Der Praxisbezug wird natürlich auch durch Praktika erreicht. Die Anfertigung einer terminologischen Diplomarbeit im Rahmen eines Praktikums ist für beide Seiten Gewinn bringend: sowohl für die Studierenden als auch für die Unternehmen (wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann).
Es gibt auch einige allgemeinere Probleme in der Praxis, die sich nicht so leicht lösen lassen. Bei Großprojekten werden Übersetzungs- bzw. Dolmetschkosten oft gar nicht eingeplant oder viel zu niedrig angesetzt. Beim Simultandolmetschen werden zunehmend tragbare Personenführungsanlagen verlangt, weil Dolmetschkabinen angeblich zu teuer sind und auch noch den Tagungsraum verunstalten.
Dies hängt zweifelsohne damit zusammen, dass das Image des Übersetzers oder Dolmetschers gehoben werden muss. Denn leider erhält unser Beruf weiterhin keine angemessene Anerkennung. Hier sind die Verbände aufgerufen, Öffentlichkeitsarbeit, sozusagen Aufklärungsarbeit, zu leisten und als wirksame Interessenvertretung zu agieren. ATICOM wird gern ihren Beitrag dazu leisten.
Es wäre auch wünschenswert, dass die neue CEN-Norm zum Thema Übersetzungsdienstleister zur weiteren Anerkennung und Professionalisierung unseres Berufes beiträgt.
Verbände bieten aber auch Möglichkeiten der Weiterbildung. Denn in unserem Beruf dürfen wir nicht stehen bleiben. In dieser Hinsicht leistet unser Verband durch sein Angebot an Fachseminaren zu solchen Themen wie Marketing, Kosten und Kalkulation, Öffentlichkeitsarbeit, Qualitätssicherung und Rechtsfragen der Berufsausübung Unterstützung.
Innerhalb des Verbandes ist es auch möglich, sich zu informieren und auszutauschen, Netzwerke und Formen der Zusammenarbeit aufzubauen. Grenzüberschreitende Kontakte können zum Beispiel im Rahmen des Anglophonen Tages oder des Réseau franco-allemand geknüpft werden, dessen jährliche Treffen Übersetzer und Dolmetscher mit Englisch bzw. Französisch als Arbeitssprache aus verschiedenen Ländern zusammenbringen.
Ein Austausch mit Berufskollegen - auch über nationale Grenzen hinweg - ist zweifelsohne sehr sinnvoll und nützlich (solange es nicht nur zu einem Lamentieren über gemeinsame Probleme wird!).
Heute geht es aber nicht um das Lamentieren, sondern um die Würdigung der Preisträgerin. In den Vorbemerkungen zu ihrer Diplomarbeit sagt Frau Girndt: "Das Thema Honig in einer terminologischen Diplomarbeit zu bearbeiten, ist angesichts der zunehmenden Globalisierung der Märkte sinnvoll.... Oft erfolgt die Korrespondenz zwischen den Lieferanten und den weiterverarbeitenden Unternehmen dabei auf Englisch. Neben den unterschiedlichen Anforderungen der Länder an die Honigqualität ist somit auch die Terminologie eine Hürde, die überwunden werden muss." Sie hat gewiss einen soliden Beitrag zur Überwindung dieser Hürde geleistet.
Liebe Frau Girndt, es bereitet mir eine besondere Freude, Ihnen als Anerkennung für ihre außergewöhnlichen Leistungen im Laufe Ihrer Ausbildung zur Diplom-Übersetzerin den ATICOM-Förderpreis zu überreichen. Neben der Urkunde und einem Scheck erhalten Sie für ein Jahr eine kostenlose Mitgliedschaft in unserem Verband. Wir gratulieren Ihnen sehr herzlich und wünschen Ihnen - und auch allen anderen hier anwesenden Absolventinnen und Absolventen- für den weiteren Lebensweg alles Gute und beruflichen Erfolg.