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Die Schnittstelle zwischen Sprachendiensten und Freiberuflern 16./17. März 2001
Siehe auch Skript des Vortrags "Der Übersetzungsdienst der Europäischen Kommission und seine externen Mitarbeiter"
Dass das Thema viele Sprachendienstler und Freiberufler gleichermaßen interessierte, war schnell klar, denn innerhalb weniger Stunden nach Bekanntmachung des Termins gingen die ersten von über 40 Anmeldungen in der Geschäftsstelle ein. Die Anzahl von Sprachendienstlern und Freiberuflern hielt sich in etwa die Waage.
Der frühe Samstagvormittag stand ganz im Zeichen des Sterns. Lothar Zimmermann, Leiter des Sprachendienstes der DaimlerChrysler AG, legte in einem von vielen Fragen unterbrochenen Vortrag die Arbeitsweise seiner Abteilung dar. Die frühere Aufteilung nach Sprachgruppen wurde zugunsten einer Gliederung in Fachgebiete aufgegeben. Lediglich Englisch wird zusätzlich noch durch eine eigene Sprachgruppe abgedeckt. Die 60 Mitarbeiter in Stuttgart übersetzen die Sprachen Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch, Spanisch, Japanisch und Russisch, insgesamt 14 Sprachen werden von ihnen betreut. Die Übersetzungen, die im letzten Jahr ein Umsatzvolumen von etwa 20 Mio. Euro erreichten, gehen zu 80 % an etwa 300 externe Partner. 65 % des externen Auftragsvolumens werden an Übersetzungsbüros vergeben, 35 % an Freiberufler. Die Büros erledigen vorwiegend besonders großvolumige Aufträge und stark repetitive Texte (technische Informationen, Handbücher), während Freiberufler, die sich in engerem Kontakt mit den hausinternen Übersetzern befinden, eher für die sprachlich delikateren Übersetzungen in Anspruch genommen werden. Auch die Texterstellung in DTP-Programmen, z. B. QuarkXpress wird durch freie Übersetzer erledigt, der Zwischenschritt der Transformation von einem Textsystem in ein anderes entfällt dadurch.
Die Anforderungen an externe Partner richten sich nach der Maxime des Konzerns: Ein Premium-Produkt verlangt Premium-Übersetzungen (das an dieser Stelle deutlich vernehmbare Räuspern, Hüsteln und Flüstern quittierte Herr Zimmermann mit einem amüsierten Lächeln), das bedeutet eine intensive Einarbeitung in die Terminologie, Termintreue, Zuverlässigkeit und Qualität. Die Rekrutierung neuer Partner erfolgt durch freie Bewerbungen, Empfehlungen oder die Zusammenarbeit mit ehemaligen Mitarbeitern. Probearbeiten werden intensiv kontrolliert, im Erfolgsfall bietet DaimlerChrysler einen Rahmenvertrag an, der Zeilen- und Stundenpreise, Haftung, Verschwiegenheit, Anspruch auf Terminologie, Urheberrechte, Veröffentlichung und Scheinselbstständigkeit regelt. Die Zusammenarbeit lohnt sich für DaimerChrysler nur, wenn der freie Mitarbeiter mindestens 25 % seiner Kapazität bereitstellen kann und Urlaubszeiten mit dem Auftraggeber abstimmt.
Wie offensichtlich allen Sprachendienstlern ist auch Herrn Zimmermann der Preiskampf mit dem Einkauf nicht unbekannt. Er konnte seinen "Gegenspieler" jedoch davon überzeugen, dass jährliche Einsparungen von 100 000 Mark bei der Auftragsvergabe 300 000 Mark zusätzliche Ausgaben für Qualitätskontrolle nach sich ziehen würden und sich "Preisdrückerei" also nicht auszahlt.
Seine eigene Termintreue stellte Herr Zimmermann unter Beweis, indem er exakt zur vorgesehenen Zeit seinen Vortrag beendete.
In diesem Punkt erreichte Klaus Ahrend vom Referat Externe Übersetzung der Europäischen Kommission das Vorbild nicht. (Anspielungen von Seiten der geneigten Kollegen auf die zeitlichen Abläufe innerhalb größerer Organisationen im Allgemeinen und dieser im Besonderen ließen nicht auf sich warten.) Vortragsskript
Mit 1850 Mitarbeitern gehört der Übersetzungsdienst der Europäischen Kommission zu den größten der Welt. In Brüssel (2/3) und Luxemburg (1/3) werden Übersetzungen in alle 11 Amtssprachen erledigt, insgesamt etwa 1,25 Mio. Seiten im letzten Jahr, davon ca. 20 % extern, betreut vom Referat für externe Übersetzungen mit 22 Mitarbeitern in Brüssel und 7 in Luxemburg. Der Anteil externer Übersetzungen soll in den nächsten 5 Jahren auf 30-40 % gesteigert werden. Die Auswahl der externen Partner (750-1000 Partner, wovon 60-65 % Freiberufler sind) erfolgt über Ausschreibungsverfahren, die von Veröffentlichung bis zum Vertragsabschluss bis zu 10 Monaten dauern. Die Auswahl richtet sich nach Grundvoraussetzungen (promotionsberechtigender Universitätsabschluss, Niederlassung in einem EU-Mitgliedstaat etc.) und einem Ranking, das aus "Qualität nach Aktenlage" und angebotenem Preis errechnet wird. Die Ausschreibungsbedingungen werden im Amtsblatt und im Internet veröffentlicht. [Anmerkung: Informationen zu EU-Ausschreibungen und deren Ergebnisse erscheinen auch auf den ATICOM-Seiten.] Nach der Beurteilung der Ausschreibungsunterlagen wird ein Ranking erstellt, also eine Reihenfolge, in der Rahmenverträge geschlossen und Aufträge vergeben werden. An dieser Stelle setzte eine hitzige Diskussion ein. Die Ranking-Formel ist so aufgebaut, dass man schlechte Qualität mit günstigen Preisen ausgleichen kann und somit im Ranking gleichauf oder höher steht als ein Anbieter, der gute Qualität zu höheren Preisen anbietet. Zwar findet eine Qualitätskontrolle der Übersetzungsarbeiten statt und das Ranking wird jährlich aktualisiert, aber die Teilnehmer konnten sich trotzdem mit diesem Vorgehen nicht recht anfreunden.
Ein weiterer Teil der Ausführungen von Herrn Ahrend beschäftigte sich mit der Qualität der Ausgangstexte, die der Verfasser häufig in einer anderen als seiner Muttersprache erstellt und die entsprechend unklar sind. In diesem Zusammenhang wurde die Kampagne "Fight the Fog" erwähnt. Aufgrund der riesigen Masse von Texten, die nur zur internen Information erstellt werden, hat auch die maschinelle Übersetzung eine große Bedeutung. Über 500 000 Seiten werden jährlich von Mitarbeitern direkt über das automatische Übersetzungsprogramm abgerufen. Der Übersetzungsdienst bietet zusätzlich eine Überarbeitung der maschinell übersetzten Texte an, die dann grammatisch korrekt und verständlich sind.
Welche Kapazität die Vertragspartner dem Übersetzungsdienst zur Verfügung stellen, wird dort nicht nachgehalten. Sollte allerdings ein Auftrag vergeben werden, wird eine Leistung von 7 Seiten pro Tag erwartet.
In der Podiumsdiskussion, die sich an die Vorträge anschloss, wurde nochmals auf die Wichtigkeit der Erreichbarkeit hingewiesen. Da die Aufträge meist sehr kurze Lieferfristen haben, muss die Vergabe kurzfristig stattfinden. Freie Mitarbeiter, die stunden- oder sogar tagelang nicht erreichbar sind, haben dann keine Chance. Die Verschlüsselung von elektronisch übermittelten Dokumenten war ebenfalls Thema. Herr Zimmermann bestätigte, dass dieses Thema bei DaimlerChrysler längst überfällig sei. Da grundsätzlich der Kunde den Sicherheitsstandard vorgibt (und sein Konzern dies noch nicht tut), kann vom Übersetzer kein höherer Standard verlangt werden als vom Auftraggeber. Auch der Übersetzungsdienst der Europäischen Kommission arbeitet noch unverschlüsselt.
Die Abrechnungsmodalitäten bei Arbeiten mit TM-Programmen bei DaimlerChrysler betreffen nur größere Büros, da nur dort Aufträge mit großem Wiederholungsanteil platziert werden. Für die Wiederholungen werden Abschläge berechnet, ein Administrationsaufwand soll zukünftig jedoch zusätzlich gezahlt werden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Referenten ihre Erwartungen an externe Vertragspartner deutlich gemacht und ausführlich begründet haben. Über strittige Punkte wurde im Plenum und während der Pausen heftig diskutiert. Der Erfahrungsaustausch unter Kollegen in einer angenehmen Umgebung und freundlicher Atmosphäre trug zum Gelingen der insgesamt sehr erfolgreichen Veranstaltung bei.
Jutta Profijt
Skript des Vortrags von Klaus Ahrend, "Der Übersetzungsdienst der Europäischen Kommission und seine externen Mitarbeiter": PDF-Format, Word-Format
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