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    2001-12-01 Seitenmeister


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    by ATICOM e.V., Bonn
       29. ATICOM-Gasttagung


    Die Schnittstelle zwischen Sprachendiensten und Freiberuflern
    16./17. März 2001

    Siehe auch Skript des Vortrags "Der Übersetzungsdienst der Europäischen Kommission und seine externen Mitarbeiter"

    Dass das Thema viele Sprachendienstler und Freiberufler gleicher­maßen interessierte, war schnell klar, denn innerhalb weniger Stunden nach Bekanntmachung des Termins gingen die ersten von über 40 Anmeldungen in der Geschäftsstelle ein. Die Anzahl von Sprachendienstlern und Freiberuflern hielt sich in etwa die Waage.

    Der frühe Samstag­vormittag stand ganz im Zeichen des Sterns. Lothar Zimmermann, Leiter des Sprachen­dienstes der DaimlerChrysler AG, legte in einem von vielen Fragen unterbrochenen Vortrag die Arbeits­weise seiner Abteilung dar. Die frühere Aufteilung nach Sprach­gruppen wurde zugunsten einer Gliederung in Fach­gebiete aufgegeben. Lediglich Englisch wird zusätzlich noch durch eine eigene Sprach­gruppe abgedeckt. Die 60 Mitarbeiter in Stuttgart übersetzen die Sprachen Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch, Spanisch, Japanisch und Russisch, insgesamt 14 Sprachen werden von ihnen betreut. Die Übersetzungen, die im letzten Jahr ein Umsatz­volumen von etwa 20 Mio. Euro erreichten, gehen zu 80 % an etwa 300 externe Partner. 65 % des externen Auftrags­volumens werden an Übersetzungs­büros vergeben, 35 % an Freiberufler. Die Büros erledigen vorwiegend besonders groß­volumige Aufträge und stark repetitive Texte (technische Informationen, Handbücher), während Frei­berufler, die sich in engerem Kontakt mit den haus­internen Übersetzern befinden, eher für die sprachlich delikateren Übersetzungen in Anspruch genommen werden. Auch die Text­erstellung in DTP-Programmen, z. B. QuarkXpress wird durch freie Übersetzer erledigt, der Zwischen­schritt der Transformation von einem Textsystem in ein anderes entfällt dadurch.

    Die Anforderungen an externe Partner richten sich nach der Maxime des Konzerns: Ein Premium-Produkt verlangt Premium-Übersetzungen (das an dieser Stelle deutlich vernehmbare Räuspern, Hüsteln und Flüstern quittierte Herr Zimmermann mit einem amüsierten Lächeln), das bedeutet eine intensive Einarbeitung in die Terminologie, Termin­treue, Zuverlässigkeit und Qualität. Die Rekrutierung neuer Partner erfolgt durch freie Bewerbungen, Empfehlungen oder die Zusammen­arbeit mit ehemaligen Mitarbeitern. Probe­arbeiten werden intensiv kontrolliert, im Erfolgs­fall bietet DaimlerChrysler einen Rahmen­vertrag an, der Zeilen- und Stunden­preise, Haftung, Verschwiegen­heit, Anspruch auf Terminologie, Urheber­rechte, Veröffent­lichung und Schein­selbst­ständigkeit regelt. Die Zusammen­arbeit lohnt sich für DaimerChrysler nur, wenn der freie Mitarbeiter mindestens 25 % seiner Kapazität bereitstellen kann und Urlaubs­zeiten mit dem Auftrag­geber abstimmt.

    Wie offen­sicht­lich allen Sprachen­dienstlern ist auch Herrn Zimmermann der Preis­kampf mit dem Einkauf nicht unbekannt. Er konnte seinen "Gegen­spieler" jedoch davon überzeugen, dass jährliche Einsparungen von 100 000 Mark bei der Auftrags­vergabe 300 000 Mark zusätzliche Ausgaben für Qualitäts­kontrolle nach sich ziehen würden und sich "Preis­drückerei" also nicht auszahlt.

    Seine eigene Termin­treue stellte Herr Zimmermann unter Beweis, indem er exakt zur vorgesehenen Zeit seinen Vortrag beendete.

    In diesem Punkt erreichte Klaus Ahrend vom Referat Externe Übersetzung der Europäischen Kommission das Vorbild nicht. (Anspielungen von Seiten der geneigten Kollegen auf die zeit­lichen Abläufe innerhalb größerer Organisationen im Allgemeinen und dieser im Besonderen ließen nicht auf sich warten.) Vortragsskript

    Mit 1850 Mitarbeitern gehört der Übersetzungs­dienst der Europäischen Kommission zu den größten der Welt. In Brüssel (2/3) und Luxemburg (1/3) werden Übersetzungen in alle 11 Amts­sprachen erledigt, insgesamt etwa 1,25 Mio. Seiten im letzten Jahr, davon ca. 20 % extern, betreut vom Referat für externe Übersetzungen mit 22 Mitarbeitern in Brüssel und 7 in Luxemburg. Der Anteil externer Übersetzungen soll in den nächsten 5 Jahren auf 30-40 % gesteigert werden. Die Auswahl der externen Partner (750-1000 Partner, wovon 60-65 % Freiberufler sind) erfolgt über Ausschreibungs­verfahren, die von Veröffent­lichung bis zum Vertrags­abschluss bis zu 10 Monaten dauern. Die Auswahl richtet sich nach Grund­voraussetzungen (promotions­berechtigender Universitäts­abschluss, Nieder­lassung in einem EU-Mitglied­staat etc.) und einem Ranking, das aus "Qualität nach Aktenlage" und angebotenem Preis errechnet wird. Die Ausschreibungs­bedingungen werden im Amts­blatt und im Internet veröffentlicht. [Anmerkung: Informationen zu EU-Ausschreibungen und deren Ergebnisse erscheinen auch auf den ATICOM-Seiten.] Nach der Beurteilung der Ausschreibungs­unterlagen wird ein Ranking erstellt, also eine Reihenfolge, in der Rahmen­verträge geschlossen und Aufträge vergeben werden. An dieser Stelle setzte eine hitzige Diskussion ein. Die Ranking-Formel ist so aufgebaut, dass man schlechte Qualität mit günstigen Preisen ausgleichen kann und somit im Ranking gleichauf oder höher steht als ein Anbieter, der gute Qualität zu höheren Preisen anbietet. Zwar findet eine Qualitäts­kontrolle der Übersetzungs­arbeiten statt und das Ranking wird jährlich aktualisiert, aber die Teilnehmer konnten sich trotzdem mit diesem Vorgehen nicht recht anfreunden.

    Ein weiterer Teil der Ausführungen von Herrn Ahrend beschäftigte sich mit der Qualität der Ausgangs­texte, die der Verfasser häufig in einer anderen als seiner Mutter­sprache erstellt und die entsprechend unklar sind. In diesem Zusammen­hang wurde die Kampagne "Fight the Fog" erwähnt. Aufgrund der riesigen Masse von Texten, die nur zur internen Information erstellt werden, hat auch die maschinelle Übersetzung eine große Bedeutung. Über 500 000 Seiten werden jährlich von Mitarbeitern direkt über das automatische Übersetzungs­programm abgerufen. Der Übersetzungs­dienst bietet zusätzlich eine Über­arbeitung der maschinell übersetzten Texte an, die dann grammatisch korrekt und verständlich sind.

    Welche Kapazität die Vertrags­partner dem Übersetzungs­dienst zur Verfügung stellen, wird dort nicht nachgehalten. Sollte allerdings ein Auftrag vergeben werden, wird eine Leistung von 7 Seiten pro Tag erwartet.

    In der Podiums­diskussion, die sich an die Vorträge anschloss, wurde nochmals auf die Wichtig­keit der Erreich­barkeit hingewiesen. Da die Aufträge meist sehr kurze Liefer­fristen haben, muss die Vergabe kurzfristig stattfinden. Freie Mitarbeiter, die stunden- oder sogar tage­lang nicht erreichbar sind, haben dann keine Chance. Die Verschlüsselung von elektro­nisch übermittelten Dokumenten war ebenfalls Thema. Herr Zimmermann bestätigte, dass dieses Thema bei DaimlerChrysler längst überfällig sei. Da grundsätz­lich der Kunde den Sicherheits­standard vorgibt (und sein Konzern dies noch nicht tut), kann vom Übersetzer kein höherer Standard verlangt werden als vom Auftrag­geber. Auch der Übersetzungs­dienst der Europäischen Kommission arbeitet noch unverschlüsselt.

    Die Abrechnungs­modalitäten bei Arbeiten mit TM-Programmen bei DaimlerChrysler betreffen nur größere Büros, da nur dort Aufträge mit großem Wiederholungs­anteil platziert werden. Für die Wiederholungen werden Abschläge berechnet, ein Administrations­aufwand soll zukünftig jedoch zusätzlich gezahlt werden.

    Zusammen­fassend lässt sich sagen, dass die Referenten ihre Erwartungen an externe Vertrags­partner deutlich gemacht und ausführlich begründet haben. Über strittige Punkte wurde im Plenum und während der Pausen heftig diskutiert. Der Erfahrungs­austausch unter Kollegen in einer angenehmen Umgebung und freund­licher Atmosphäre trug zum Gelingen der insgesamt sehr erfolg­reichen Veranstaltung bei.

    Jutta Profijt
     


    Skript des Vortrags von Klaus Ahrend, "Der Übersetzungs­dienst der Europäischen Kommission und seine externen Mitarbeiter": PDF-Format PDF-Format, Word-Format Word-Format