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    2010-01-22 Seitenmeister


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       13. Jahrestreffen des Réseau franco-allemand
     

    Brüssel, 27. - 29. Oktober 2006

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  • Programm (Word-Dokument),(PDF-Dokument)
  • Anmeldeformular (Word-Dokument),(PDF-Dokument)
  • Zimmerreservierung (Word-Dokument),(PDF-Dokument)

  • 12. Jahrestreffen des Réseau franco-allemand
     

    Berlin, Oktober 2005

    Vielleicht kamen einige zum 12. Jahrestreffen des Réseau Franco-Allemand vom 28.-30.10.2005 nach Berlin mit besonders großen Erwartungen, weil neben Wiedersehen und Gesprächen mit Kollegen und dem Vortragsprogramm die "neue" deutsche Hauptstadt, die auf gutem Wege scheint, endlich eine internationale Großstadt zu werden, u. a. mit ihrem riesigen Kulturangebot winkte.

    Dank der intensiven Vorbereitung des Treffens durch die drei Grandes Dames du Réseau, Frank van Pernis und Sabine Kohl war der inhaltliche und der äußere Rahmen geschaffen, um nicht nur Sprach- und Übersetzerkenntnisse zu erweitern, sondern sich auch sonst Neuem zu öffnen. Das sonnig-klare Berliner Spätherbstwetter trug seinen Teil zum Gelingen bei.

    Schon am Anreisetag abends ward für Erweiterung der Geschichtskenntnisse gesorgt. Im Hugenottenmuseum am Gendarmenmarkt war zu erfahren, was es vor gut dreihundert Jahren bedeutete, als vertriebener Franzose nach Preußen zu wechseln - und welch fruchtbare Folgen die aus der Not geborene "internationale Mischung" hatte.

    Beim ersten Abendessen der Réseauistes im Restaurant Habel herrschte lebhaft-herzliche Wiedersehensstimmung - sehr anschaulich und kurzweilig gesteigert durch Sabine Kohls Spurensuche französischer Prägungen im Berliner Dialekt. Wer weiß schon, welche Wurzeln in Berliner Worten wie "blümerant", "Muckefuck", "bonfortionös" und "Fisimatenten" stecken. Der Trinkspruch auf den "General Knusemong" trieb die verblüffte Spannung auf die Spitze: Dass Sabine berlinerisch das Glas auf "en général, ce que nous aimons" erheben wollte, brauchte einen Moment bis in die Hirne, ehe es einen vergnüglichen Abend einleitete.

    Am Samstag begann das Seminar mit einem Vortrag von Dr. Annelise Glander aus Wien: "Ist Österreichisch eine andere Sprache?" Nach einer "süßen" Einleitung mit Mozartkugeln arbeitete Frau Dr. Glander heraus, dass sich das Österreichische vom Deutschen unterscheidet: Vor allem in der entwickelten österreichischen Amtssprache und in der Rechtssprache. Die Unterschiede belegte sie mit Terminologiesammlungen der Österreichischen Nationalbank, mit Auszügen aus R. Voyats Beitrag in T&T 3.2002 zur österreichischen Kanzleisprache und mit einer eigenen Sammlung zur Verwaltungssprache Österreichs.

    Es wurde deutlich, dass in eingeschränkten Gebieten Unterschiede zum Deutschen durchaus vorhanden sind. Welcher Nichtösterreicher weiß schon, dass in der österreichischen Verwaltung mit "Dekret" eine Anstellungs- oder Ernennungsurkunde gemeint ist oder mit "Erlagschein" ein Zahlschein; oder dass etwas zu "vidimieren" eine amtliche Beglaubigung bedeutet. Als Ribisel-Nachtisch (zu deutsch: Johannisbeeren) gab es noch eine Wortsammlung zur österreichischen Küchensprache.

    Die Glossare wurden von allen gern entgegen genommen. Sicher werden sich auch Reseau-Mitglieder finden, die dem Wunsch von Dr. Glander nachkommen und ihr über das RFA-Netz Anfragen oder Beiträge für die Terminologieplattform zur Verbreitung des österreichischen Sprachgutes bei der EU senden, an der Fr. Glander offensichtlich zimmert..

    Persönlich quälte mich nach diesem Vortrag die Frage, ob man sich tatsächlich aufwändig auf die Unterschiede konzentrieren soll? Gut, dass Frau Dr. Glander selbst Grillparzer anführte: Der Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern besteht darin, dass die Deutschen verstehen wollen, aber nicht können, während die Österreicher verstehen können, aber nicht wollen.

    Der nächste Vortrag kam von Dr. Gawlitta, Buchautor und Regionalvorsitzender vom Verein Deutsche Sprache e.V.:"Eine Europasprache - unser Schicksal? Perspektiven für Deutsch und Französisch". K. Gawlitta arbeitete heraus, was wohl auch Fr. Glander umtreibt: Sprache ist Macht.

    Sein magisches Dreieck der Politik:

    Macht

    Ansehen           Geld

    hatte nach Überlegungen darüber, ob man sich in der Europäischen Union für eine Sprache entscheiden solle, viel Überzeugungskraft. In der Tat, vieles, was zu Ansehen, Macht und Geld führt, nämlich Kreativität, Durchsetzungsfähigkeit und Beharrlichkeit, lässt sich in der Muttersprache am Besten zur Geltung bringen.

    Dr. Gawlitta hat das in seinem fiktiven Roman "Der verkaufte Mund" anschaulich, kurzweilig und in gutem Deutsch geschildert, in dem selbst das Goethe-Institut verlangt, dass Vorlesungen über deutsche Literatur auf Englisch gehalten werden... Das heuchlerische Argument der Völkerverständigung zugunsten des alles vereinheitlichenden Englischen entlarvte er überzeugend mit Rückblicken in die Geschichte und Seitensprüngen in die Psychologie: Der Zwang zur Einheitssprache bedeutet Privilegierung der Sprecher, deren Muttersprache die Einheitssprache ist.

    Dr. Gawlitta plädierte für eine Revitalisierung der Arbeitssprachen in der Europäischen Union, brach eine Lanze für das Deutsche schon deshalb, weil Deutschland das volkreichste Land Europas ist, und nannte Brückensprachen als denkbare Lösung für das wirtschaftliche Problem zu großer Sprachenvielfalt, z. B. Spanisch, Italienisch oder Polnisch. "Dreisprachigkeit sollte für EU-Beamte Pflicht sein", postulierte er. - Warum eigentlich nicht, bei der Exzellenz, die diese Beamten für sich in Anspruch nehmen.

    Auch Dr. Gawlittas praktische Vorschläge zur Pflege des Deutschen im Kleinen stießen auf viel Resonanz. Der von der UNESCO finanzierte Rat für Deutschsprachige Terminologie, der Sprachkreis Deutsch in der Bubenberg-Gesellschaft in Bern, eine Zusammenarbeit der Einrichtungen zur Pflege der deutschen Sprache aus der Schweiz, Luxemburg, Belgien, Österreich und Deutschland und Kontakte zwischen diesen Gremien und dem Verband der Francophonie kamen ins Gespräch. Die Hinterfragung von Entwicklungstendenzen der Sprachverbreitung bietet fruchtbaren Stoff für weitere Gespräche - und für Haltungen.

    "Der translatorische Ansatz in der Evaluierung von Übersetzungen" von Freddie Plessard befasste sich konkret mit dem Übersetzen und lieferte theoretisches Rüstzeug. Nach einleitender Differenzierung zwischen Evaluation, Überprüfung und Revision suchte sie zunächst nach Kriterien der Bewertung einer Übersetzung und fand sie nicht erst im Übersetzungsprodukt, sondern früher: im Gesamtherangehen des Übersetzers und in seinem allgemeinen Konzept, das geschichtlich, sozial, literarisch und ideologisch geprägt ist, auch in der praktischen Durchführung des Übersetzungsprozesses.

    Die Bewertung als Tätigkeit sah sie beeinflusst von der "position traductive", dem "projet de traduction" und dem "horizon traductif", d.h. sie spannte den Bogen von der Vorstellung, die der Übersetzer davon hat, was "gut übersetzt" bedeutet, über die Anwendung dieser Vorstellung auf ein konkretes Projekt bis hin zum Leser, für den die Übersetzung bestimmt ist

    Vor diesem Hintergrund ging sie auf die praktische Umsetzung der Evaluation ein und führte dann "handwerkliche" Mittel an: Selbstkorrektur, Gegenlesen, fachliche Überprüfung, (Terminologie), Mehrfach-Korrektur (bei Veröffentlichung). Sie nannte empirische Etappen wie die zielgerichtete Überprüfung von Zahlen, Daten, Namen, naives Lesen zur Ausmerzung des "Übersetzungs-Geruchs", die Gegenüberstellung von Ausgangs- und Zieltext (ohne die es nachweislich 7 x mehr Fehler gibt !) und die Diagnostik durch Kategorisierung von "zu erwartenden" Fehlern.

    Schließlich erwähnte sie Mittel der Bewertung unter Gesichtspunkten der (formalen) Qualitätssicherung mit Aspekten wie orthographischer und grammatikalischer Korrektheit, Synthax- und Terminologietreue, "technischen" Qualitäten wie Vollständigkeit, Einhaltung der Vorgaben des Auftraggebers und schließlich Homogenität im Sinne einer Harmonisierung aller Einzelaspekte im übersetzten Text als Ganzes

    Das genannte Ziel der Übersetzung, nämlich die Herstellung eines zweiten Textes, der unter dem Aspekt der Kommunikation beim die Zielsprache sprechenden Empfängerkreis die gleichen Funktionen erfüllt wie das Original bei den Sprechern der Ausgangssprache, stieß als Hauptkriterium für die Bewertung auf breite Zustimmung. Wie dies erreicht werden kann, wurde an Beispielen demonstriert und hinterfragt, von denen die Zuhörer nicht genug bekommen konnten. Dass unter Übersetzern die Zunft der Praktiker stärker vertreten ist als die der Theoretiker, zeigte sich daran deutlich.

    Der Vortrag von Freddie Plessard half, Distanz zu finden zur Nur-Praxis, sich der unterschiedlichen Mittel zur Beurteilung von Übersetztem bewusst zu werden und spontane Urteile zu hinterfragen, an Objektivität zu gewinnen. Ich bedaure, dass Freddie Plessard keinen monatlichen Übersetzer-Stammtisch in Berlin abhält, ich wäre regelmäßiger Teilnehmer.

    Der nächste Vortrag "Zur Terminologie der Mehrwertsteuer in der Schweiz" kam von Sylvie Jeandupeux. Bei der auszugsweisen Besprechung des wertvollen Glossars, das auf einem Vergleich zwischen dem deutschen und dem französischen Mehrwertsteuergesetz der Schweiz basierte, wurden auch Einblicke in das Schweizer Verständnis von dieser Steuer vermittelt. Sicher ist es verlockend, den Vergleich zu erweitern auf das Mehrwertsteuergesetz in Deutschland bzw. in Frankreich. Allerdings wäre das wohl eher Gegenstand einer Doktorarbeit

    Silvia Brügelmann stellte am Ende des langen Arbeitstages die "neuesten" Neologismen ihrer umfangreichen Sammlung vor. An Beispielen erläuterte sie den Unterschied zwischen Okkasionalismen: neuen Wörtern, die in Verbindung mit bestimmten Ereignissen auftauchen und bald wieder verschwinden (z.B. die "ouistes" und die "nonistes" bei der Abstimmung über die europäische Verfassung) und Neologismen: Wörtern, die in das Sprachgut eingehen und über längere Zeit verwendet werden. Letzteren widmete sie sich neben neuen Kunstwörtern (Infotainment) und assoziativen Wortbildungen (glocalisation) intensiver, besonders den "Kofferwörtern": Zusammenziehungen aus zwei "konventionellen" Wörtern, die einen neuen Sinn ergeben: So eingebürgerten Bildungen wie "Internet" (Interconnected + networks), "Datei" (Daten + Kartei), "Brunch" (breakfast + lunch) stellte sie neuere Schöpfungen wie "alicament " (aliment + médicament), " infogérance " (informatique + gérance), " infomercial " (informatique + commercial) gegenüber.

    Der Vortrag war anschauliches Beispiel dafür, dass sich - gleichzeitig mit unserem Wissen - auch die Sprache immer schneller entwickelt. Ob sie dabei wirklich reicher wird, wäre ein dankbares Thema für eine ernste Diskussion, durchaus der Gefahr des Ausuferns ausgesetzt - möglicherweise auf einem anderen Treffen des Réseau.

    Beim 12. Jahrestreffen begann nach diesem letzten Beitrag und anstrengenden Tag das Freizeitprogramm, mit einem stimmungsvollen Abendessen am Gendarmenmarkt, mit Gesprächen, architektonischen Entdeckungen, einem Blick hinter die Mauern des Bundestages, musealen Genüssen, Kabarett, Theater und Konzert...

    Wenn es in der EU auch nicht gerade zum Besten bestellt ist nach dem "Non" der Franzosen und dem "Néé" der Niederländer zur europäischen Verfassung, in den Niederungen der Réseau-Übersetzer ist die europäische Integration gerade ein Stück weiter vorangekommen; der Austausch zu "Arbeitsfragen über das Internet erlebt einen "Boom", auch nahezu professionelle Photoblogs über die Berliner Tage sind im Umlauf; für das Réseau melden sich neue Mitglieder; der Austausch von Telefonnummer und Privatadresse hat längst stattgefunden.

    Es bedurfte dazu noch nicht einmal eines Mitgliedsbeitrages für das Réseau, es zählten eher berufliche Neugier, gegenseitiges Wohlwollen, ehrlicher Wille und sehr viel Engagement, besonders von Marie-Noelle, Silva, Sabine, Sabine, Frank...... Mag es uns anspornen zu aktivem Mittun. Das nächste Treffen 2006 in Brüssel steht schon fest.
     

     

    Christine Götz
     

     

    Siehe auch:

    Bericht über das 16. Jahrestreffen in Winterthur, Oktober 2009
    Bericht über das 15. Jahrestreffen in Wien, Oktober 2008
    Bericht über das 14. Jahrestreffen in Nizza, Oktober 2007
    Bericht über das 13. Jahrestreffen in Brüssel, Oktober 2006
    Bericht über das 11. Jahrestreffen in Biel, Oktober 2004
    Bericht über das 10. Jahrestreffen in Avignon, Oktober 2003
    Bericht über das 9. Jahrestreffen in Brüssel, November 2002
    Bericht über das 8. Jahrestreffen in Münster, Oktober 2001
    Bericht über das 7. Jahrestreffen in Bern, Oktober 2000