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       14. Jahrestreffen des Réseau franco-allemand
     
    Nizza, Oktober 2007

    Seit vielen Jahren steht das Jahrestreffen des Réseau franco-allemand als Highlight des Herbstes auf der Agenda zahlreicher Dolmetscher und Übersetzer aus Belgien, Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Österreich. Das RFA ist mittlerweile so attraktiv, dass erstmalig nicht alle Anmeldungen berücksichtigt werden konnten und eine Warteliste geführt werden musste.

    Wie bereits des öfteren in den vergangenen Jahren, verlief die Anreise aus den unterschiedlichsten Teilen Europas nach Nizza nicht für alle Teilnehmer planmäßig und reibungslos. Diesmal waren unsere Kollegen aus Frankreich von dem Streik der Air France stark betroffen, aber auch andere Teilnehmer mussten Umbuchungen und lange Verspätungen in Kauf nehmen. Eine Kollegin traf es besonders hart: Statt gegen Abend mit dem Flugzeug traf sie erst nach einer sechsstündigen Busfahrt und weit nach Mitternacht an der Côte d'Azur ein.

    Das traditionelle "Repas de retrouvailles" hatte wieder einmal viel Ähnlichkeit mit einem jährlich stattfindenden Familientreffen, auf das sich die weit verstreut wohnenden Mitglieder seit langem gefreut haben. Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen, mit denen im Laufe des vergangenen Jahres länderübergreifend sprachliche Probleme bewältigt und Aufträge gemeinsam abgewickelt wurden, trafen sich nun endlich zum persönlichen Austausch wieder. Die herzlichen Begrüßungsszenen und vor allem der Geräuschpegel im Lokal (der aus arbeitsmedizinischer Sicht satt im roten Bereich gelegen haben dürfte) waren Ausdruck der Freude am Wiedersehen. Manche Kolleginnen und Kollegen hatten zu lösende Sprachprobleme im Gepäck, die teilweise bereits am ersten Abend geklärt waren. Das exzellente Menü im "Lou Balico" warf dagegen ein neues Übersetzungsproblem auf: Von französischer Seite war die den Nachtisch zierende Frucht zwar schnell als "arbuse" identifiziert, auf eine zweifelsfreie Übersetzung konnte sich die hochkarätig besetzte Kollegenschar mehrerer Tische jedoch nicht einigen. Die Lösung wurde dann allerdings durch einen daheim gebliebenen Partner einer französischen Kollegin per Handy geliefert und die lebhafte Diskussion fand ein Ende.

    Samstagmorgen begann der Tag mit einem Vortrag von Natacha Dalügge-Momme über "La rédaction des textes techniques" unter besonderer Berücksichtigung der kulturellen Unterschiede des französischen und deutschen Sprachraumes. An Beispielen wie "Messer" und "couteau" oder "Lastkraftwagen", "truck" und "camion" demonstrierte sie anschaulich, dass diese Termini in den Köpfen von Deutschen, Franzosen, Engländern und Schweizern jeweils ganz unterschiedliche Bilder hervorrufen. Diesen soziokulturellen Unterschied muss der Übersetzer kennen, um dann für die Übersetzung den richtigen Terminus festzulegen. Anschließend erläuterte Frau Dalügge-Momme am Beispiel von Milchprodukten (produits laitiers), wie groß die Unterschiede bei der Zusammensetzung der Produkte in den unterschiedlichen Ländern sind. Folglich ist der Übersetzer gut beraten, vorher eine sorgfältige Recherche durchzuführen, um eine korrekte Übersetzung abzuliefern. Dass Wörterbücher dabei nur bedingt tauglich sind, zeigte sie an einer Reihe von Wörterbuchfehlern auf und erklärte, worauf die Fehler basierten. Es folgten noch einige Fachtermini des Bausektors, für die sie die unterschiedlichen gesetzlichen Grundlagen in den einzelnen Ländern präsentierte und diese dann einordnete. Frau Dalügge-Momme stellte dankenswerterweise diesen sehr fundierten Vortrag schriftlich zur Verfügung und bot so interessierten Teilnehmern die Möglichkeit, durch die zahlreichen Quellenangaben einzelne Punkte selbst zu vertiefen.

    Die Pausen zwischen den Vorträgen wurden ausgiebig für Fachgespräche, zum Kennenlernen der "Neuen" und zum Knüpfen von Kontakten für die künftige Zusammenarbeit genutzt.

    Mit dem zweiten Beitrag des Vormittags entführte uns unsere Kollegin Mireille Moosbrugger aus der Schweiz mit ihrer sehr fachkundigen und interessanten Präsentation in die Welt der Baumwolle. Ihr spannender Vortrag begann mit den Anfängen dieses Produkts und dessen Einführung in einen Markt, der bis dahin nur die tierische Wolle kannte. Anhand einer Abbildung wies sie nach, dass das Produkt seinen Namen der beschreibenden Darstellung der Wolle von Bäumen verdankt. Mit der Präsentation von der Pflanzung über die Ernte und Verarbeitung bis hin zur spannenden Darstellung aktueller Zahlen (dass z.B. für ein in den USA hergestelltes T-Shirt eine Tasse Pestizide eingesetzt wird) schlug sie den Bogen zur Gegenwart und war bei den aktuellen Umweltproblemen angelangt. Garniert wurde ihr Vortrag durch ein sehr informatives, deutsch-französisches Glossar zur Baumwolle und deren Verarbeitung, das sie den Teilnehmern aushändigte.

    Das hervorragende Mittagessen sorgte zunächst einmal für Heiterkeit an den Tischen, da alle Weinetiketten den Namen einer der Gründerinnen des Réseau trugen. Wie es lange Tradition ist, waren beim Mittagessen die Gruppen an den Tischen wieder einmal vollkommen unterschiedlich zusammengesetzt und es bot sich erneut Gelegenheit zu Gesprächen mit bereits bekannten oder neuen Kolleginnen und Kollegen.

    Nach dem Mittagessen folgte der spannende Beitrag unserer französischen Kollegin Françoise Fourault-Sicars der SFT, die sich lange und intensiv mit den maskulinen und femininen Formen französischer Berufe auseinandergesetzt hatte. Sie bot uns einen interessanten Einblick in die aktuellen Entwicklungen in den französischsprachigen Ländern, die sie weitgehend der aktuellen Presse entnommen hatte. Neben den generellen Regeln zur Bildung der weiblichen Berufsformen zeigte sie anhand zahlreicher Beispiele auf, dass bei der Verwendung weiblicher Berufsbezeichnungen äußerste Vorsicht geboten ist, um unerwünschte Komik zu vermeiden. Die männlichen Berufsbezeichnungen maître, cafetier, sage-homme werden zwar eindeutig benutzt und verstanden, bei den analog gebildeten weiblichen Entsprechungen schlägt diese Eindeutigkeit allerdings in Zweideutigkeit um. Für Heiterkeit sorgte die lange Liste der Bezeichnungen, die klar belegt, dass im Hexagon beizeiten mit zweierlei Maß gemessen wird. Einige Beispiele:

    Un professionnel est un sportif de haut niveau
    Une professionnelle est une femme de petite vertu
    Un entraîneur est celui qui entraîne une équipe sportive
    Une entraîneuse est une pute
    Un homme à femmes est un séducteur
    Une femme à hommes est une pute
    Un homme sans moralité, hum … un homme politicien
    Une femme sans moralité est une pute

    Zum Abschluss ihres Vortrags verteilte Frau Fourault-Sicars eine ausführliche "Liste des liens sur la féminisation dans la langue" mit offiziellen Internet-Links der Länder Frankreich, Schweiz, Belgien, Luxemburg, Deutschland und Kanada sowie zusätzlichen bibliographischen und anderen Angaben.

    Nach der Kaffeepause übernahm unser Kollege Winfried Zöller des belgischen Verbandes CBTIP die Aufgabe den praktischen Ansatz für "Methodisches Vorgehen beim Übersetzen von technischen Texten" zu präsentieren. An Hand zahlreicher Quellen demonstrierte er die systematische Informationserschließung, den Wortschatzaufbau durch Quellennutzung und die Sichtung des Textmaterials des Kunden. Seine wertvollen Tipps aus seiner langjährigen Praxis als Ingenieur und Übersetzer wurden durch zahlreiche Zusatzinformationen aus dem Publikum ergänzt. Ein wesentlicher Faktor für den konstant steigenden Erfolg des Réseau franco-allemand ist sicherlich dieser kooperative, offene und kollegiale Umgang der Teilnehmer untereinander, wenn es darum geht, eigene Quellen vorbehaltlos den Kollegen mitzuteilen.

    Nach dem Ende des Vortragsprogramms stand dann die Frage der Ausrichtung des nächsten Jahrestreffens auf dem Programm. Dr. Annelies Glander, die Sprecherin der dreiköpfigen Delegation aus Wien, überbrachte die herzliche Einladung aus Österreich an die Teilnehmer des Réseau, sich zum nächsten Jahrestreffen im Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien einzufinden. Der begeisterte Applaus spiegelte die Freude all derjenigen wider, die seit Jahren darauf gewartet hatten, dass sich die Österreicher endlich offiziell dem Kreis der Ausrichter für die Jahrestreffen anschließen.

    Der Tagesausklang fand im Restaurant "La Diva" bei einem exzellenten und opulenten französischen Dîner und gutem französischem Wein statt. Der wieder bis kurz unter die Schmerzgrenze gestiegene Geräuschpegel im Lokal gab im doppelten Sinne des Wortes beredte Kunde eines lebendigen Meinungsaustauschs europäischer Übersetzer und Dolmetscher, deren Beruf unser Kollege und Schriftsteller Umberto Ecco treffend auf den Punkt gebracht hat: La langue de l'Europe c'est la traduction.

    Sonntagvormittag stand ein Stadtrundgang durch die Altstadt von Nizza auf dem Programm. Die Teilnehmer hatten die Wahl zwischen einer gemütlichen Variante der Besichtigung sowie einer etwas sportiveren Alternative. Bei frühlingshaften Temperaturen lauschten wir den lebhaften Schilderungen der Stadtführer und den beeindruckenden Details aus der Stadtgeschichte. Von einer im Ursprung zunächst eher ärmlichen Region Frankreichs entwickelte sich Nizza rasant zur heute mondänen Metropole der Côte d'Azur mit einem beachtlichen Kulturangebot und dem zweitgrößten Flughafen Frankreichs. Im Anschluss an diesen sehr informativen, frühlingshaften Ausflug an das Mittelmeer verstreuten sich die Teilnehmer wieder in alle Himmelsrichtungen der schon fast winterlich kalten, nördlicheren Länder Europas. Viele haben das nächste Jahrestreffen am letzten Oktoberwochenende 2008 in Wien bereits schon fest in ihre Agenda eingetragen.

    Hildegard Rademacher
    post@Rademacher-MG.de

    Siehe auch:
    Bericht über das 16. Jahrestreffen in Winterthur, Oktober 2009
    Bericht über das 15. Jahrestreffen in Wien, Oktober 2008
    Bericht über das 13. Jahrestreffen in Brüssel, Oktober 2006
    Bericht über das 12. Jahrestreffen in Berlin, Oktober 2005
    Bericht über das 11. Jahrestreffen in Biel, Oktober 2004
    Bericht über das 10. Jahrestreffen in Avignon, Oktober 2003
    Bericht über das 9. Jahrestreffen in Brüssel, November 2002
    Bericht über das 8. Jahrestreffen in Münster, Oktober 2001
    Bericht über das 7. Jahrestreffen in Bern, Oktober 2000


     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    Lösung:
    Misantrosophage : Cannibale méprisant son repas
    Milchien : Chien du milicien
    Chérisson : un être dont on aime le charme piquant
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