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       15. Jahrestreffen des Réseau franco-allemand
     
    Wien, 24. bis 26. Oktober 2008

    In diesem Jahr fand das traditionelle Jahrestreffen des Réseau franco-allemand zum 15. Mal statt - und zum ersten Mal in Österreich. Übersetzerinnen, Übersetzer, Dolmetscherinnen und Dolmetscher aus Deutschland, Belgien, Frankreich, Österreich und der Schweiz kamen zusammen, um über sprachliche Phänomene und Entwicklungen zu referieren und zu diskutieren.
    Diese Tagung ist auch immer wieder ein willkommener Anlass, all die Kolleginnen und Kollegen zu treffen oder endlich persönlich kennen zu lernen, mit denen man im Laufe des Jahres meist nur über die RFA-Mailing-Liste kommuniziert, um Terminologiefragen zu klären, organisatorische Aspekte unseres Berufes zu diskutieren und einander auch sonst alle erdenkliche Hilfestellung zu leisten. Sehr erfreulich, dass wir gleichwohl viele "Neulinge" in unserer Mitte begrüßen konnten.

    Frau Dr. Annelies Glander vom Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien, die gemeinsam mit ihren Kolleginnen Beatrix Eichinger und Carole Faux sowie Elias Wielander als EDV-Spezialist das diesjährige Treffen organisierte, hat die bunte Kette der RFA-Tagungen um eine schöne Perle ergänzt. Die Betreuung, die Vorträge und das Rahmenprogramm ließen keine Wünsche offen und so sei Annelies und ihrem Team an dieser Stelle ganz herzlich für ihre Gastfreundschaft gedankt! Das Programm begann am Freitag Nachmittag mit einer "promenade viticulturelle", einem ausgedehnten Spaziergang durch die Weinberge am Stadtrand von Wien. Die österreichischen Organisatorinnen hatten bereits im Vorfeld zweisprachige Unterlagen hierzu verteilt. Beim "Heurigen Zimmermann" fand am Abend das traditionelle "Repas des retrouvailles" statt. Hier stießen auch die letzten Nachzügler zur Truppe und es gab die gewohnten herzlichen Begrüßungsszenen. Annelies hatte an diesem Wochenende darauf geachtet, für die Bewirtung Gaststätten auszusuchen, in die sich Touristen sonst eher zufällig verirren und die ihren ursprünglichen Charakter bewahrt haben. Die Heurigen-Wirtsleute boten uns in ihrem idyllisch gelegenen und originell eingerichteten Bauernhaus neben Most und Wein aus eigenem Anbau eine breite Palette österreichischer Spezialitäten.

    Am Samstagmorgen begrüßte uns auch Dagmar Sanjath, Generalsekretärin der Universitas, einem österreichischen Übersetzerverband. Sodann eröffnete Annelies Glander die Vortragsreihe.
    Den Anfang machten Sabine Kohl vom deutschen Bundesministerium für Arbeit und Soziales und Denis Aubert mit einer zweisprachigen Präsentation über die Terminologie der individuellen Altersvorsorge in Deutschland. Sabine Kohl setzte damit ihre Reihe aus den Vorjahren (betriebliche Altersvorsorge, Tarifverträge) fort und erläuterte die Formen, die staatliche und steuerliche Förderung und Aspekte des Verbraucherschutzes der so genannten Riester-Renten in Deutschland. Denis Aubert, der als Übersetzer im Sprachendienst des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales befristet beschäftigt war, hatte dazu umfangreiche Recherchen angestellt, um für die deutschen Begriffe jeweils Entsprechungen im Französischen zu finden. Die ausgewählten Quellen waren meist offizielle Seiten der französischen Regierung und so boten die vorgeschlagenen Lösungen mannigfaltigen Stoff für Diskussionen. Leider war die Zeit für terminologische Erörterungen zu kurz.

    Nach einer kurzen Kaffeepause folgte der Beitrag von Silvia Brügelmann- Gaspard von der belgischen Übersetzerkammer CBTIP über französische Neologismen und Ausdrücke, die zurzeit häufig im Umlauf sind. In gewohnt eloquenter und amüsanter Weise sprach sie zunächst über einige allgemeine Regeln, die man bei der Bildung von Neologismen beobachten kann. Die meisten werden durch Ableitung gebildet; man denke nur an Worte mit Hyper-, Web-, Cyber-, Neo- u. Ä. Es folgte eine vergnügliche Reihe von Begriffen, die sich aus dem Namen des kürzlich gewählten französischen Präsidenten Sarkozy ableiten (sarkozysme, la Sarkozye, Sarkofrance, Sarkoland, sarkozix usw.). Er hat aber selber auch Wörter und Ausdrücke geprägt bzw. in Umlauf gebracht, z. B. la voyoucratie, le plan anti-glandouille zur Bekämpfung letzterer, racaille, Kärcher - die Unruhen der Vorstädte von Paris lieferten ihm ausreichend Gelegenheit dazu.
    Dass die moderne Technik Anlass zu Wortbildungen ist, liegt auf der Hand, und so hörte das aufmerksame Publikum etwas über den "taikonaute" und den "hacktiviste"; und letztlich sind es neue Lebensformen und Gewohnheiten, die neue Wörter hervorbringen, zum Beispiel den "remboursonaute". Silvias Ausführungen schärften unsere Aufmerksamkeit der heutigen Sprache gegenüber und bestärkten uns in dem Entschluss, diesen neuen Wortgebilden künftig noch größeres Interesse entgegenzubringen, denn vor dem Übersetzen gilt es, den Ausgangstext mit allen seinen Assoziationen und Konnotationen zu verstehen. Anschließend referierte Brigitte Roblin temperamentvoll und anschaulich über ihre Arbeit für die CSP France (Cynotechnie Sapeur Pompier France), die Mitglied der IRO, der Internationalen Rettungshunde-Organisation, ist. Wir erfuhren von Brigitte, die anfänglich nur als "einfache Übersetzerin" in das Projekt eingebunden war (die offiziellen Sprachen der IRO sind Deutsch und Englisch), inzwischen aber selbst eine Rettungshündin hat, dass man für diesen Job sportlich, naturliebend, tierlieb ("car ils ne parlent que de cela"), belastbar und diplomatisch sein sowie über Organisationstalent verfügen muss. Ihr jüngstes Projekt ist ein mehrsprachiges Glossar, das sie derzeit im Auftrag der IRO erstellt. Immerhin zählen inzwischen auch Japan und verschiedene Länder Lateinamerikas zu den Mitgliedern. Die Hunde, meint sie jedoch, hätten ihre Arbeit eigentlich nicht nötig. Sie folgen gleichermaßen auf "Sitz", "sit down" und "assis", weil sie nicht auf Worte, sondern auf Gesten und Tonfall reagieren. Allerdings hat eine englische Studie ergeben, dass die Hunde den Akzent ihrer Herrchen und Frauchen annehmen: "Il semble que les chiens ont plus de facilités à imiter des accents plus prononcés et caractéristiques. C'est un de leurs moyens privilégiés pour tisser des liens avec leurs maîtres."

    Kurz vor der Mittagspause begrüßte uns Herr Prof. Norbert Greiner, der Leiter des Zentrums für Translationswissenschaft, aufs Herzlichste. Es sei ihm eine große Ehre, dass die Universität Wien das Jahrestreffen des Réseau franco-allemand ausrichten dürfe. In der Mittagspause wurden uns die "unaussprechlichen Trzernieswki-Brötchen" serviert - erneut eine echte Wiener Spezialität.
    Nach der Mittagspause erläuterte Marie-Noëlle Buisson-Lange unterhaltsam und anschaulich die Titres, métiers et fonctions au féminin en Allemagne. Sie schloss hiermit an den Vortrag von Françoise Fourault-Sicars aus dem Vorjahr an, in dem diese sich mit den maskulinen und femininen Formen französischer Titel, Berufe und Funktionen auseinandergesetzt hatte. Ziel des Vortrags war es, Auftraggebern peinliche Fehler in der interkulturellen Kommunikation zu ersparen, was ja auch zu unseren Aufgaben gehört. Die deutsche juristische Grundlage bietet das Gleichberechtigungsgesetz, das nun seit 50 Jahren gilt. In Deutschland wird ein erwachsenes weibliches Wesen grundsätzlich mit "Frau" angeredet - auch wenn sie nicht verheiratet ist - und nicht wie z. B. in Frankreich mit "Fräulein". Marie-Noëlle Buisson-Lange führte aus, ass für die Öffentlichkeit bestimmte Texte "lisibles, audibles et prononçables" (lesbar, verständlich für die Zuhörer und aussprechbar) sein müssen. Das Binnen-I, das in Deutschland eine Zeitlang etabliert war, wird inzwischen allenfalls noch bei Platzmangel in bestimmten Formularen benutzt, hat sich ansonsten aber nicht durchsetzen können. Auch "man" sollte nach Möglichkeit vermieden werden. Ebenso verpönt sind Schrägstriche (Kollegen/ innen) oder Klammerausdrücke wie "Kolleg(inn)en". Stattdessen gibt es eine ganze Reihe von Tricks, mit denen man die sprachlichen Klippen der Gender-Formen umschiffen kann. Dazu gehören u. a. verkürzte Sätze ("bei Ausscheiden aus dem Unternehmen" statt "wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Unternehmen ausscheiden"), Adjektive oder Personalpronomen statt Substantiven (Handwerker und Handwerkerinnen -> sie), Plural statt Singular (derjenige + diejenige -> diejenigen), bestimmte Artikel statt Possessivpronomen (kein Bürger und keine Bürgerin darf in der Ausübung seines oder ihres Wahlrecht beschränkt werden -> in der Ausübung des Wahlrechts), geschlechtslose generische Begriffe ("Belegschaft" statt "Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen"), Passiv statt Aktiv ("falls die Prüfung nicht bestanden wird" statt "falls er oder sie die Prüfung nicht besteht"), Suffix "-kraft" (die Lehrkräfte) oder Wendungen mit "es" statt "man" ("Es kann darüber gestritten werden, ob…" statt "Man kann darüber streiten, ob…"). Für die Ansprache von Frauen, die offizielle Ämter ausüben, benutzt man normalerweise die weibliche Form: "Frau Ministerin, Frau Bundeskanzlerin". Jedoch ziehen manche Frauen die männliche Form vor. Da ist es also wichtig, sich vorab zu erkundigen, welche Form die besagte Dame vorzieht. Zum Abschluss empfahlen uns Marie- Noëlle sowie die Kolleginnen aus der Schweiz nützliche Internet-Adressen.

    Der nächste Vortrag führte uns sprunghaft mehrere Jahrhunderte zurück. Nicole Stoll, die alle Tafeln des neu gestalteten Museumskonzepts für das Schweizer Schloss Chillon sowie eine Broschüre über die Geschichte des Schlosses übersetzt hat, berichtete über ihre umfangreichen Recherchearbeiten zum Alltag im Mittelalter auf Deutsch und Französisch. Nach einer Definition des Begriffs Mittelalter und seiner unterschiedlichen Phasen entführte sie uns zunächst in die europäische Vorgeschichte zu den Kelten und die Zeit der Völkerwanderung. Wir machten einen Abstecher in den Aufbau der indogermanischen Sprachen und in die Lautverschiebung verschiedener europäischer Sprachen. Wir lernten, dass die Wörter "Barbar" und "balbutier" dieselbe Wurzel haben und im Grunde "blablabla" (neudeutsch: rhabarber rhabarber) bedeuten - also eine fremde Sprache, die man nicht verstand - und dass "an-ständig" dafür steht, dass man "seinem Stand entsprechend" handelt. Sodann erfuhren wir viele Details über die mittelalterliche Hoforganisation mit all ihren Berufen, über die Stellung des Adels und über die damaligen Tischsitten. Das alles geschah in so kurzweiliger Manier, dass die Zeit wie im Flug verging.


    Interessant in diesem Zusammenhang war übrigens, dass die frankophonen Anwesenden durchweg den Ausdruck "lever la table" als nicht französisch bzw. als übersetzt empfanden. Auch darüber hätte man noch viel Zeit mit Diskussionen füllen können.

    Aber Annelies blieb ebenso charmant wie unerbittlich, um den Zeitplan einzuhalten,und verkürzte dafür sogar ihren eigenen Vortrag über PIARC/AIPRC - Straßenbau-Terminologie auf weiterführende Informationen. Diese konnten wir zwar anhand der uns zur Verfügung gestellten Unterlagenselbst nachlesen. Sicherlich hätten wir Annelies' Ausführungen über translatorischeProbleme im Straßenbau aber gern persönlich gelauscht, denn die Unterlagen können leider nur einen Bruchteil ihres breit gefächerten Wissens wiedergeben.

    Jo Combuchen vom DTT dankte der Hauptorganisatorin Annelies Glander im Namen aller für die vorbildliche Organisationund die liebevolle Betreuung und überreichte ihr ein gerade erschienenes Buch mit dem Titel "Brüsseler Pralinen und Europäische Häppchen". (Die ausführliche Rezension erscheint u. a. in diesem ATICOM-FORUM).

    Nachdem Margret Millischer kurz ihr im Dezember 2008 erscheinen des Buch "Eine Geschichte vom Blau" (ihre Übersetzung der Gedichtsammlung "Une histoire de bleu" von Jean - Michel Maulpoix) vorgestellte hatte, gaben die Schweizer Organisatoren noch den Termin für das Jahrestreffen 2009 bekannt. Dieses wird vom 30.10. bis 01.11.2009 in Winterthur bei Zürich stattfinden - klar, dass die "réseauistes invétérés" diesen Termin bereits fest notiert haben.

    Danach entführten uns die Organisatorinnen zum Ausflugslokal "Salettl". Dahinter verbirgt sich eine architektonische Besonderheit und ein Kleinod wienerischer Tradition. Am Abend trafen wir uns im Restaurant "Kanzleramt", das tatsächlich im Bundeskanzleramt und damit gleich gegenüber der Wiener Hofburg liegt. Hier hatten alle Réseau-Mitglieder die Gelegenheit, die abwechslungsreiche österreichische Küche zu entdecken. Selbstverständlich wurde der Abend auch für weiteren lebhaften Meinungsaustausch unter Kolleginnen und Kollegen genutzt.

    Am Sonntag Vormittag folgte ein Stadtrundgang durch das alte Wien südlich des Stephansdoms, heute ein Teil des ersten Bezirks. Unsere Führerinnen zeigten uns bei strahlendem Sonnenschein nicht nur die üblichen Sehenswürdigkeiten, sondern auch verborgene Gässchen, und plauderten kurzweilig über römische Ausgrabungen und die Belagerung Wiens durch die Türken, über Maria-Theresia und Mozart, über Wiener Sezession und Caféhäuser, über Felix Salten und Friedensreich Hundertwasser, über sozialen Wohnungsbau und österreichische Neutralitätspolitik, ohne uns jedoch mit einer Fülle von Informationen zu erschlagen. Den krönenden Abschluss bildete ein von Beatrix Eichinger organisierter Ausflug nach Schloss Schönbrunn mit einer Besichtigung der Gloriette und einem Mittagessen im "Tirolerhof".

    Es wäre sehr schön, wenn das überaus gelungene Treffen in Wien mit dazu beitragen könnte, dass sich künftig noch mehr österreichische Kolleginnen und Kollegen dem Réseau franco-allemand anschlössen. Auf Wiedersehen 2009 in Winterthur!

    Gabriele François, Osnabrück
    gabi@francois-fachuebersetzungen.de

    Siehe auch:
    Bericht über das 16. Jahrestreffen in Winterthur, Oktober 2009
    Bericht über das 14. Jahrestreffen in Nizza, Oktober 2007
    Bericht über das 13. Jahrestreffen in Brüssel, Oktober 2006
    Bericht über das 12. Jahrestreffen in Berlin, Oktober 2005
    Bericht über das 11. Jahrestreffen in Biel, Oktober 2004
    Bericht über das 10. Jahrestreffen in Avignon, Oktober 2003
    Bericht über das 9. Jahrestreffen in Brüssel, November 2002
    Bericht über das 8. Jahrestreffen in Münster, Oktober 2001
    Bericht über das 7. Jahrestreffen in Bern, Oktober 2000