ATICOM-Förderpreis 2009

Laudatio von Reiner Heard anläßlich der Verleihung des ATICOM-Förderpreises 2009 an Frau Julia Richter für ihren Abschluss im Studiengang Diplom-Übersetzer, Universität Leipzig im Rahmen der LICTRA-Abendveranstaltung am 19.05.2010 in Leipzig.

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit mehr als zehn Jahren vergibt der Fachverband der Berufsübersetzer und Berufsdolmetscher (ATICOM e.V.) einen Förderpreis für außerordentliche Leistungen beim Übersetzer- oder Dolmetscherstudium. Dieser Preis wird bundesweit ausgelobt.

Ich freue mich heute, dass der ATICOM-Förderpreis bereits zum zweiten Mal an eine Absolventin der Philologischen Fakultät der Universität Leipzig geht, deren Studiengänge zweifellos zu den allerbesten im Lande gehören.

Die Preisträgerin 2009, Julia Richter, absolvierte ihren Studiengang mit Französisch und Rumänisch als den beiden Hauptfächern. Eine besonders gut Note erhielt sie für ihre Diplomarbeit mit dem Titel: Übersetzungskritische Analyse anhand eines Kohärenzmodells. Die deutsche Übersetzung von Lucian Boias: Istorie si mit în constiinta româneasca.

Es geht also um die deutsche Übersetzung eines rumänischen Sachbuches zum Thema: Geschichte und Mythos im rumänischen Bewusstsein. Mit Hilfe eines Modells zur Bewertung von Übersetzungen liefert Frau Richter Kriterien, die generell, also auch für andere Textsorten und Sprachen anwendbar sind. Und in diesem konkreten Fall zeigt sie wie die Übersetzung, die ja immer zugleich eine Interpretation des Ausgangstextes ist, unerwünschte Folgen haben kann, z.B. durch die unzulässige Einführung von wertenden Elementen oder das Nichterkennen von Ironie.

In ihrem Gutachten zur Diplomarbeit schrieb Frau Dr. Krause: "Mit ihrer wohldurchdachten, differenzierten und konstruktiven Übersetzungskritik hat Julia Richter einen beachtenswerten Beitrag zu einem tieferen Problembewusstsein bezüglich der rumänisch-deutschen Übersetzung vorgelegt…"

Hier werde ich nicht mehr zum Inhalt dieser ausgezeichneten Diplomarbeit sagen, da Frau Richter selbst einen Vortrag dazu auf dieser LICTRA-Konferenz halten wird. Außerdem ist die Diplomarbeit bereits in Buchform beim Berliner Verlag Frank & Timme veröffentlicht worden.

Als Praxisvertreter (ich glaube, diese sind hier eindeutig in der Minderheit) möchte ich jedoch etwas zur Berufswelt sagen, in die Frau Richter mittlerweile als freiberufliche Übersetzerin eingetreten ist.

In einer kürzlich von der Generaldirektion Übersetzen der Europäischen Kommission beauftragten Marktstudie zur Zukunft der Sprachenindustrie in Europa wurde festgestellt, dass das Volumen in den kommenden Jahren um jährlich 10 % zunehmen wird. Die Aussichten sind also nicht schlecht, aber wer profitiert davon? (Es wäre zu schön, wenn die Vergütung demensprechend steigen würde.)

Freiberufler - gelegentlich martialisch als Einzelkämpfer bezeichnet - müssen aufpassen, dass sie nicht auf der Strecke bleiben. Das ausschließliche Arbeiten zurückgezogen im stillen Kämmerlein ist längst nicht mehr ratsam. Was sie unbedingt brauchen sind ein Informations- und Erfahrungsaustausch, das Bilden von Netzwerken, ständige Weiterbildung und eine Interessenvertretung.

Unerläßlich sind natürlich auch betriebswirtschaftliche und Selbstvermarktungsfähigkeiten, damit die Freiberufler Kunden gewinnen und als Unternehmer gedeihen. Hinzu kommen administrative, technische und weitere Fähigkeiten, die für die Führung eines eigenen Unternehmens jeglicher Größe erforderlich sind.

Ein Verband wie ATICOM kann hier wichtige Hilfe und Unterstützung leisten: durch Kanäle für die Informationsbeschaffung, ein an potenzielle Kunden gerichtetes Internetverzeichnis der Dolmetscher und Übersetzer, Fachseminare und sonstige Fortbildungsveranstaltungen sowie Foren für das Knüpfen von Kontakten und den Austausch von Wissen und Erfahrungen mit Kolleginnen und Kollegen, z.B. das Réseau franco-allemand für Übersetzer aus fünf Ländern mit Französisch als Arbeitssprache.

Einen Austausch und eine Zusammenarbeit gibt es ja in verschiedenen Bereichen des Übersetzens und Dolmetschens. Bei den Hochschulen fallen mir solche Einrichtungen ein wie die internationale Organisation CIUTI oder hier in Deutschland der Koordinierungsausschuss Praxis und Lehre, eher unter dem Namen transforum bekannt, der bestrebt ist, eine gewisse Praxisnähe in der Ausbildung zu erreichen.

Auch bei den Übersetzern selbst ist ein Zusammenhalt oder, noch besser, eine Zusammenarbeit - nicht nur bei größeren Aufträgen - unerlässlich. Erfreulicherweise hat es in den letzten Jahren auch eine zunehmende Kooperation unter Verbänden im nationalen Rahmen gegeben (die Bremer Runde und der Berliner Kreis sind Stichworte in diesem Zusammenhang).

Die Zusammenarbeit reicht auch über Grenzen hinweg: auf europäischer Ebene findet man FIT Europe (in dessen Rahmen ich mitwirke) und dann auf globaler Ebene den Weltverband FIT - Fédération Internationale des Traducteurs.

Ziel all dieser Bestrebungen und dieser Solidarität ist es, eine weitere Professionalisierung und Imageverbesserung unseres Berufs zu erreichen.

Kehren wir aber nach diesem Exkurs zum eigentlichen Anliegen des heutigen Abends zurück!

Jetzt möchte ich Ihnen, liebe Frau Richter, in Anerkennung Ihrer außergewöhnlichen Studienleistungen den ATICOM-Förderpreis überreichen. Neben der Urkunde und einem Scheck erhalten Sie für ein Jahr eine kostenlose Mitgliedschaft in unserem Verband. Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich und wünsche Ihnen für den weiteren Lebensweg alles Gute und beruflichen Erfolg.