
Laudatio von Reiner Heard anlässlich der Verleihung des ATICOM-Förderpreises 2006 an Frau Madeleine Bock
im Rahmen der Feierlichen Immatrikulation an der Hochschule Anhalt (FH) am 4. Oktober 2006 im Spiegelsaal des Köthener Schlosses
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Studentinnen und Studenten,
seit circa 10 Jahren vergibt der Fachverband der Berufsübersetzer und Berufsdolmetscher (ATICOM e.V.) einen Förderpreis für außerordentliche Leistungen beim Übersetzer- oder Dolmetscherstudium. Als Vorsitzender des Verbandes freue ich mich besonders, den diesjährigen ATICOM-Förderpreis an Frau Madeleine Bock für ihre hervorragenden Leistungen als jahrgangsbeste Absolventin des Studiengangs Fachübersetzen an der Hochschule Anhalt (FH) zu überreichen. Die Freude ist umso größer, als die Preisverleihung in diesem festlichen Rahmen der Feierlichen Immatrikulation stattfindet.
Mit diesem Tag am Anfang eines neuen Lebensabschnitts sind viele Hoffnungen und Erwartungen verbunden. Was erwarten Sie als Studienanfänger vom Studium und dann vom Beruf? Was wird Sie im Beruf erwarten? (Ich komme später darauf zurück.) Andererseits: Was erwarten die Lehrkräfte von den Studierenden?
In ihrem Studium hat die Preisträgerin, Frau Bock, diese Erwartungen eindeutig erfüllt. Dies wird besonders durch ihre Diplomarbeit verdeutlicht. Der Titel dieser Arbeit lautet: "Technische Kommunikation in den USA und in Deutschland: Darstellung und Vergleich von Entwicklungen, Perspektiven und Studiengängen und Empfehlungen zur Erstellung geeigneter Studienmodelle für die Hochschule Anhalt".
In seinem Gutachten zu der Diplomarbeit stellt Professor Lange fest: "Die Kandidatin verfolgt in der vorliegenden Arbeit das lobenswerte Ziel, ausgehend von vorhandenen Konzepten, Ressourcen und eigenen Erfahrungen während eines Studienaufenthalts in den USA, hypothetisch und modellhaft mögliche Studiengänge (Bachelor, Master) auf dem Gebiet der Technischen Kommunikation für den Fachbereich Informatik der Hochschule Anhalt (FH) vorzuschlagen."
Und in seinem Gutachten führt Dr. Seiler folgendes aus: "Im äußerst umfgangreichen Anhang stellt Frau Bock u.a. komplette Studienpläne und Curricula und sogar ausführliche Beschreibungen aller von ihr darin vorgeschlagenen Module bzw. Teilmodule vor. Dieser Teil der Arbeit könnte und sollte meiner Ansicht nach eine konkrete Vorlage für entsprechende Entscheidungen an unserer Hochschule bilden und könnte auch als Vorbild für ähnliche Überlegungen an anderen deutschen Hochschuleinrichtungen dienen."
Diese sehr umfassende, wissenschaftlich fundierte und äußerst praxisbezogene Arbeit, die die Anforderungen an eine Diplomarbeit bei weitem übertraf, wurde mit der Note 1,0 bewertet.
Frau Bock hat also Studienmodelle vorgeschlagen, die der zunehmenden Verschmelzung der Disziplinen Übersetzen und Technische Kommunikation Rechnung tragen. Nach meinem Eindruck gibt es bereits eine gelungene Verknüpfung des Übersetzens und der Informatik an der Hochschule Anhalt. Die Einführung eines Bachelostudiengangs "Informationsmanagement" mit einer Studienrichtung "Softwarelokalisierung" ist vielversprechend. Hierzu schreibt Frau Bock in ihrer Diplomarbeit: "Diese Studienrichtung, bisher einzigartig in Deutschland, verbindet eine sprachlich-übersetzerische mit einer informatiknahen Ausbildung, so dass die Absolventen alle notwendigen Qualifikationen erhalten, die für den modernen Übersetzungs- und Lokalisierungsmarkt notwendig sind."
Mögliche Einsatzbereiche für Lokalisierungsexperten - wie auf der Website des Fachbereichs Informatik aufgelistet - sind: Lokalisierungsunternehmen, Übersetzungsdienste, Terminologieabteilungen, Softwareunternehmen, freiberufliche Tätigkeit, Werbung und Medien.
Im Praktikum als Bestandteil des Studiums bekommt man einen Eindruck von den tatsächlichen Arbeitsbedingungen. Als Leiter eines Sprachendienstes in der Industrie stelle ich tagtäglich fest, dass der Termindruck immer weiter steigt und fast unerträglich geworden ist. Wenn Aufträge telefonisch vergeben werden, wird nicht selten gleich als Erstes gefragt "Wann können Sie liefern?", ohne vorher den Umfang des Auftrags mitgeteilt zu haben.
Um dieses Problem der Eilbedürftigkeit in den Griff zu bekommen, hat ein Kollege auf einem Weltübersetzerkongress vorgeschlagen, sich auf einer Insel an der Datumsgrenze niederzulassen. Dann könne man die Übersetzung bereits am Vortag abliefern.
Meistens sind die Übersetzer das letzte Glied in der Kette, das in zeitlicher und auch finanzieller Hinsicht nur selten angemessen eingeplant wird. Ich möchte hier niemanden abschrecken, sondern nur darauf hinweisen, dass eine ausgeprägte Stressresistenz quasi überlebenswichtig ist. Zu den weiteren unerlässlichen Eigenschaften gehören eine besondere Flexibilität, überdurchschnittliche Einsatzbereitschaft und hohe Belastbarkeit.
Eine Übersicht der verschiedenen an Übersetzer und Dolmetscher gestellten Anforderungen ist übrigens von einer Arbeitsgruppe des Transforum, des Koordinierungsausschusses Praxis und Lehre, zusammengestellt worden. Sie ist im Internet unter www.transforum.de abrufbar.
Angesichts des genannten Termindrucks ist man in der Praxis ständig auf der Suche nach Methoden der Effizienzsteigerung. Bei der Informationsbeschaffung und dem Erfahrungsaustausch zu diesem Zweck können Verbände wie ATICOM Unterstützung leisten. Innerhalb des Verbandes ist es möglich, sich zu informieren und auszutauschen, Netzwerke und Formen der Zusammenarbeit aufzubauen. Grenzüberschreitende Kontakte können zum Beispiel im Rahmen des Anglophonen Tages oder des Réseau franco-allemand geknüpft werden, dessen jährliche Treffen Übersetzer und Dolmetscher mit Englisch bzw. Französisch als Arbeitssprache aus verschiedenen Ländern zusammenbringen.
Verbände bieten vielfältige Möglichkeiten der Weiterbildung in Form von Fachseminaren und Informationsveranstaltungen. Denn nach einem erfolgreich abgeschlossenen Studium sollte man natürlich nicht glauben, das man sozusagen ausgelernt hat. Eine lebenslange Bereitschaft zum Lernen ist unerlässlich.
Für viele von Ihnen beginnt heute ein wichtiger Abschnitt dieses lebenslangen Lernens. Ich wünsche Ihnen ein erfolgreiches Studium an der Hochschule Anhalt. Sie werden entdecken, dass dies aufgrund solcher Studienmodule wie die Interkulturelle Kommunikation, Marketing und Projektmanagement sehr facettenreich, praxisnah und Gewinn bringend ist.
Ich bin sicher, dass Frau Bock als Absolventin des hiesigen Studiengangs dies bestätigen kann. Jetzt möchte ich Ihnen, liebe Frau Bock, als Anerkennung für Ihre außergewöhnliche Leistungen im Laufe Ihrer Ausbildung zur Diplom-Fachübersetzerin den ATICOM-Förderpreis überreichen. Neben der Urkunde und einem Scheck erhalten Sie für ein Jahr eine kostenlose Mitgliedschaft in unserem Verband. Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich und wünschen Ihnen für den weiteren Lebensweg alles Gute und beruflichen Erfolg.