
Laudatio von Reiner Heard anlässlich der Verleihung des ATICOM-Förderpreises 2003 an Frau Doreen Gawronsky am Tag der Forschung der Hochschule Anhalt (FH) am 10.12.2003 in Dessau
Verehrte Damen und Herren, liebe Frau Gawronsky,
in diesem feierlichen Rahmen ist es mir eine besondere Ehre, als Vertreter des Fachverbandes der Berufsübersetzer und Berufsdolmetscher (ATICOM e.V.) den diesjährigen ATICOM-Förderpreis an Frau Doreen Gawronsky für ihre herausragende Leistung als Absolventin des Studiengangs Fachübersetzen an der Hochschule Anhalt (FH) zu überreichen.
Der heutige Tag ist bekanntlich der Forschung gewidmet. Nun verbindet man mit dem Übersetzen nicht unbedingt Neues und Bahnbrechendes. Aber das Übersetzen ist auch nicht stehengeblieben; im Laufe der Zeit haben sich die Werkzeuge des Übersetzens weiterentwickelt. Auch wenn ich dadurch mein Alter verrate, kann ich mich noch gut an die Kugelkopfschreibmaschinen mit Korrekturtaste erinnern!
Heute arbeiten wir natürlich längst mit PCs, die mit diversen Hilfsmittelnausgestattet sind. Zu diesem technischen Fortschritt gehört natürlich das Internet – ein sehr nützliches Hilfsmittel für Übersetzer mit seinen vielfältigen Recherche- und Informationsmöglichkeiten.
Andererseits ist das Internet in Form des World Wide Web zu einem wichtigen Arbeitsgebiet für Übersetzer durch die Lokalisierung geworden, d.h. die Anpassung eines Produkts nicht nur in sprachlicher Hinsicht an die Bedürfnisse eines lokalen Markts. Dies ist auch das Thema der ausgezeichneten Diplomarbeit der Preisträgerin mit dem Titel: „Die Textform Website und Fragen ihrer Lokalisierung am Beispiel deutscher und französischer Tourismuswebsites“.
In ihrem Gutachten zu der Diplomarbeit schreibt Frau Prof. Dr. Seewald-Heeg: „Die Arbeit ist äußerst facettenreich und bietet sowohl dem Linguisten als auch dem Übersetzungspraktiker zahlreiche Einsichten, die für die praktische Tätigkeit im Umgang mit dieser Textform außerordentlich aufschlussreich und nützlich sind.“
Andere Zeichen des technischen Fortschritts im Übersetzungsbereich, von dem ich eingangs sprach, sind Terminologiedatenbanken, Terminologieextraktionssysteme und Übersetzungsspeicher, so genannte Translation-Memory-Systeme.
Bei Laien führt dies in manchen Fällen zu einer gefährlichen Technikgläubigkeit (darf ich das in dieser Umgebung sagen?). Vor kurzem wurde in der Presse berichtet, dass eine Stadt in Hessen eine Tourismusbroschüre ins Englische übersetzen lassen wollte, aber um Kosten zu sparen, ein so genanntes Übersetzungsprogramm einsetzte. Als die Druckerei die 7.500 bestellten Exemplare der Broschüre anlieferte, stellte der Bürgermeister mit Entsetzen fest, dass sie durch die haarsträubende maschinelle Übersetzung völlig wertlos waren.1
Angesichts dieser leider noch weit verbreiteten Unkenntnis muss ein Verband wie ATICOM sozusagen Aufklärungsarbeit leisten und auch das Image des Übersetzers im öffentlichen Bewusstsein verbessern. Es muss klargestellt werden, dass die Arbeit des Übersetzers zwar durch den technischen Fortschritt unterstützt wird, aber der Mensch weiterhin die zentrale Rolle spielt.
Wie Frau Gawronsky in ihrer Diplomarbeit feststellt: „Das Übersetzen ist ... eine kreative und produktive Tätigkeit; der Übersetzer ist nicht nur Mittler, sondern produziert einen eigenen Translationstext in der Zielsprache. Ausgehend von dieser Definition kann Übersetzen auch als Sprachmittlung, der Übersetzer als Sprachmittler bezeichnet werden. Übersetzung beschäftigt sich jedoch auch mit kulturellen Transfers und wird daher ebenso als Kulturmittlung gesehen. Der Übersetzer stellt somit als Sprach- und Kulturmittler ein Bindeglied zwischen zwei verschiedensprachigen Kommunikationspartnern dar.“
Leider müssen der Allgemeinheit noch sehr grundlegende Informationen vermittelt werden: Sogar der Unterschied zwischen einem Übersetzer und einem Dolmetscher ist oft unbekannt. Zudem wissen viele bestehende oder potenzielle Auftraggeber nicht, dass der Übersetzer den zu übersetzenden Text tatsächlich verstehen muss, um ihn sinnvoll in eine andere Sprache zu übertragen. Hierfür braucht der Übersetzer also Fachkenntnisse und im Einzelfall zusätzliche Auskünfte und Hintergrundinformation. Dieses Zusammenwirken von Übersetzer und Auftraggeber wird in der deutschen Norm DIN 2345beschrieben und demnächst auch in einer CEN-Norm auf europäischer Ebene, die zurzeit unter Mitwirkung von zahlreichen europäischen Verbänden erarbeitet wird und deren Verwirklichung wohl bessere Erfolgsaussichten hat als die gegenwärtig sehr umstrittene europäische Verfassung!
Es ist zu hoffen, dass ein besserer Wissensstand in der Öffentlichkeit über den Beruf des Übersetzers und Dolmetschers auch zu einer angemessenen Honorierung führt und nicht – wie in dem geplanten Nachfolgegesetz zum Zeugen- und Sachverständigenentschädigungsgesetz zu befürchten ist – zu einem Einfrieren oder gar einer Aushöhlung der Honorarsätze für Übersetzer und Dolmetscher, die beispielsweise im Bereich des Polizei- und Gerichtswesens eine entscheidende Rolle spielen. In anderen Berufszweigen sind die Honorare über die Jahre bekanntlich gestiegen.
Im Laufe der Zeit haben sich jedenfalls die Anforderungen an Übersetzer – nicht nur in technischer Hinsicht - geändert. In den gegenwärtigen Stellenanzeigenfür Übersetzer werden beispielsweise Serviceorientierung, Beratungskompetenz und ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten gefordert. Teilweise üben sie die Funktionen von Projektleitern aus, wofür Organisations- und Managementkompetenz vorausgesetzt werden. Zunehmend werden sie auch als interkulturelle Berater gesehen.
Andere Eigenschaften wie besondere Flexibilität, überdurchschnittliche Einsatzbereitschaft und hohe Belastbarkeit und Stressresistenz haben schon immer den Übersetzerberuf gekennzeichnet, aber hier gibt es auch eine Weiterentwicklung. Aus der Praxis als Leiter eines Sprachendienstes in der Industrie kann ich sagen, dass der Termindruck fast schon unerträglich geworden ist. Noch bevor sie überhaupt den Umfang des Auftrags angeben, fragen manche Auftraggeber am Telefon: „Bis wann können Sie liefern?“ Um dieses Problem der Eilbedürftigkeit zu lösen, hat ein Kollege auf dem letztjährigen Weltübersetzerkongress vorgeschlagen, sich auf einer Insel an der Datumsgrenze niederzulassen, damit man die Übersetzung bereits am Vortag abliefern kann.2
Frau Gawronsky hat schon eine Festanstellung, aber die meisten Absolventen der Studiengänge Übersetzen und Dolmetschen in Deutschland arbeiten als Freiberufler, teilweise notgedrungen, weil es relativ wenige feste Stellen gibt.
Nicht zuletzt für diese Freiberufler nimmt unser Verband ATICOM wichtige Funktionen wahr als Netzwerk und Forum für den Erfahrungsaustausch (zum Beispiel im Rahmen des Réseau franco-allemand) und als Anbieter von Weiterbildungsveranstaltungen zu solchen Themen wie Marketing, Qualitätssicherung (Stichwort DIN 2345), Kundenbindung, Öffentlichkeitsarbeit, Kosten und Kalkulation sowie rechtliche Aspekte der Berufsausübung.
Diese umfangreichen Anforderungen aus der tagtäglichen Praxis können die Studiengänge selbst nicht erfüllen. Natürlich will ich nicht abstreiten, dass eine starke Praxisorientierung durch den hiesigen Studiengang Fachübersetzen, der im Fachbereich Informatik verankert ist, erreicht wird.
Diese Praxisbezogenheit ist auch in der Diplomarbeit der Preisträgerin feststellbar, in der sie unter anderem als Orientierungshilfe die wichtigsten Phasen und Tätigkeiten in der Abwicklung eines typischen Lokalisierungsprojekts beschreibt und auch Lösungsansätze für die Praxis anbietet.
Als Praktiker bereitet es mir daher eine große Freude, den ATICOM-Förderpreis 2003, der auch eine Jahresmitgliedschaft im Verband umfasst, an Frau Doreen Gawronsky als besondere Würdigung ihrer Leistungen im Rahmen des Studiengangs Fachübersetzen zu übergeben. Wir gratulieren ihr sehr herzlich und wünschen ihr für den weiteren Lebensweg alles Gute und beruflichen Erfolg.