
Laudatio von Reiner Heard anlässlich der Verleihung des ATICOM-Förderpreises 2001 an Frau Simone Lohse auf der ATICOM-Mitgliederversammlung am 16.2.2002 in Köln.
Sehr geehrte Frau Lohse, sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
normalerweise finden diese Preisverleihungen in einem eher akademischen Rahmen statt. Heute sind aber die Vertreter der Praxis unter sich. Die Trägerin des ATICOM-Förderpreises, Frau Simone Lohse, hat auch bereits Praxiserfahrung. Nach Abschluss des Studiums an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken hat sie eine Firma als Gesellschafter-Geschäftsführerin mit gegründet und geleitet. Dann hat sie sich entschieden, ihr eigenes Unternehmen aufzubauen.
Immer wieder hört man, dass die Anforderungen in der Praxis steigen. Da liest man in dem von Peter A. Schmitt herausgegebenen Buch Paradigmenwechsel in der Translation, dass die Beteiligten an dieser neuen als Ecosystem verstandenen Translation jetzt Sprachenindustrieprofis, bilinguale Editoren, multimediale Textdesigner, multilinguale Informations- und Dokumentationsspezialisten, Softwarelokalisierer, Terminologen und Terminographen etc. in einer Person sind.
Die gestiegenen Anforderungen spiegeln sich auch in den Stellenanzeigen für Übersetzer und Dolmetscher wider. Außer den sprachlichen, fachlichen, informationstechnischen und betriebswirtschaftlichen Kompetenzen sind solche Qualitäten wie Organisationstalent, Kreativität, Teamorientierung, Erfahrungen im Projektmanagement, Eigeninitiative, hohe Einsatz- und Verantwortungsbereitschaft, Lernbereitschaft, hohe persönliche und zeitliche Flexibilität und überdurchschnittliche Belastbarkeit gefordert.
In einer Anzeige hieß es sogar bei den Aufgaben: "Humor zeigen und Spaß haben". Humor ist in der Tat vonnöten, vor allem bei manchen Terminvorstellungen der Auftraggeber!
Gelten die genannten Eigenschaften auch für Freiberufler? Jedenfalls ist bei ihnen vor allem auch die Teamfähigkeit gefragt, d.h. Zusammenarbeit - sei es als Partnerschaftsgesellschaft, Bürogemeinschaft oder in einer anderen Form. Sonst wird es sehr schwierig sein, sich auf Dauer gegenüber den Übersetzungsagenturen zu behaupten.
Wie sieht denn die Zukunft aus?
In einem in Lebende Sprachen erschienenen Artikel zum "Status of translation and translators" klingt man recht optimistisch: es werden zweifellos neue Formen des Übersetzens und Dolmetschens in Erscheinung treten.
Was die informationstechnischen Fähigkeiten anbetrifft, konnte man aber in Language International lesen: Es wird eine Hierarchie der Übersetzer entstehen mit einem "Adel", d.h. diejenigen, die mit der Informationstechnik bestens umgehen können und entsprechend vergütet werden, eine Mittelklasse und ein "Proletariat", das viele Kleinstprojekte bearbeitet und technisch hinterherhinkt.
Was kann man daraus schließen? Die berufliche Weiterentwicklung und der Erfahrungsaustausch sind also immens wichtig - hier spielt unser Verband eine bedeutende Rolle. Aber in diesem Rahmen muss ich fast niemand von den Vorteilen eines Berufsverbandes überzeugen.
Wird das heutige Studium denn den Anforderungen gerecht bzw. bietet es eine solide Grundlage für den Start ins Berufsleben? Sind die Modularisierung der Studiengänge und die Einführung von BA- und MA-Abschlüssen der richtige Ansatz? Hier wirkt unser Verband mit im Rahmen des Transforum D, des Koordinierungsausschusses Praxis und Lehre.
Als Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis verstand Frau Lohse ihre Diplomarbeit zum Thema "Kulturspezifik und Dolmetschen" Nach einer Erörterung der wissenschaftlichen Grundlagen befasst sich die Arbeit mit einem Beispiel aus der Praxis, mit der Rede von Präsident Clinton, die er am 2. Juni 2000 anlässlich der Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen gehalten hat, sowie der Verdolmetschung, die bei der Live-Übertragung im Fernsehen mit ausgestrahlt wurde.
In ihrer Schlussbemerkung resümiert Frau Lohse: "... haben die Untersuchungen dieser Arbeit ... für das vorliegende Beispiel bestätigt, dass bei der Verdolmetschung von Kulturspezifika ein bewusstes Vorgehen seitens des Dolmetschers notwendig ist, so dass dieser nicht ad hoc im Einzelfall entscheidet, sondern Kulturmuster im Text zu erkennen vermag und entsprechend dem antizipierten Kenntnisstand des Zuhörers dolmetscht, um einen kohärenten und verständlichen Zieltext zu liefern."
Auch beim Übersetzen darf man das Kulturspezifische nicht außer Acht lassen. Zunehmend werden Texte im Land der Zielsprache übersetzt. Das hat Vorteile, aber sind die dortigen Übersetzer mit den aktuellen Begebenheiten im Land der Ausgangssprache vertraut? Erkennen Sie immer die Anspielungen oder verstehen sie die Bezugnahmen auf aktuelle Ereignisse in dem Ursprungsland der Texte?
Heute wollen wir aber nicht das komplexe Thema der Kulturspezifik diskutieren.
Heute möchten wir - und dies bereitet mir eine besondere Freude - den ATICOM-Förderpreis an Frau Simone Lohse als Anerkennung für ihre außergewöhnliche Leistung in ihrer Ausbildung zur Diplom-Dolmetscherin überreichen. Wir gratulieren ihr sehr herzlich und wünschen ihr für den weiteren Lebensweg alles Gute and beruflichen Erfolg.