
Feierstunde in der Fachhochschule Köln am 29. Januar 2000
Laudatio von Reiner Heard anläßlich der Verleihung des ATICOM-Förderpreises an Frau Anne-Kristin Krämer
Verehrte Damen und Herren, liebe Absolventen,
als Vertreter von ATICOM, dem Fachverband der Berufsübersetzer und Berufsdolmetscher, und als Leiter eines Sprachendienstes in der Industrie freue ich mich, hier wieder sozusagen als Verkörperung des Praxisbezugs aufzutreten und den diesjährigen ATICOM-Förderpreis zu überreichen.
Die diesjährige Preisträgerin ist Frau Anne-Kristin Krämer, die ihr hiesiges Studium in den Sprachen Englisch und Französisch mit der beeindruckenden Endnote 1,3 abgeschlossen hat. Frau Krämer hat diverse Praktika - haupsächlich im Ausland - absolviert, die nach ihrer eigenen Aussage sehr unterschiedlich und bereichernd waren. Zurzeit strebt sie hier auch den Dolmetscherabschluss an.
Demnächst wird vermutlich auch für Frau Krämer, die mit ihrem Studium hier an der Fachhochschule Köln eine ausgezeichnete Grundlage geschaffen hat, die Stellensuche beginnen. Es ist immer interessant und aufschlussreich, die Stellenanzeigen für Übersetzer und Dolmetscher zu lesen - auch wenn man in der glücklichen Lage ist, bereits eine Stelle zu haben. In den Anzeigen werden diverse Fähigkeiten, Kenntnisse und Eigenschaften gefordert.
Manches mag recht attraktiv erscheinen, vielleicht sogar Exotisches erhoffen lassen, z.B. wenn es in einem dieser Inserate heißt: "Eine Bereitschaft zu Geschäftsreisen setzen wir voraus". Aber es gibt dort auch andere Anforderungen, die vielleicht nicht so leicht zu erfüllen sind:hohe Belastbarkeit, überdurchschnittliche Einsatzbereitschaft, besondere Flexibilität, Kommunikationsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen und - immer wieder verlangt - Teamgeist oder die Freude an der Arbeit im Team.
Oft werden natürlich auch eine Vertrautheit mit Terminologieverwaltungssystemen und Kenntnisse eines Translation-Memory-Systems vorausgesetzt. Und in einem Artikel wurde das heutige Übersetzen als eine Kombination von hochwertigen sprachlichen, fachlichen, informationstechnischen und betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten beschrieben.
Können aber diese ganzen Fertigkeiten, Kenntnisse und Eigenschaften während des Studiums vermittelt oder gefördert werden? Sind diese hohen Anforderungen vielleicht sogar abschreckend? Jedenfalls beweisen sie - bei Ihnen renne ich offene Türen ein -, dass Übersetzen und Dolmetschen anspruchsvolle und hoch qualifizierte Tätigkeiten sind. Die Verantwortung, die damit einhergeht, wird beispielsweise durch das Produkthaftungsgesetz verdeutlicht. Informationsfehler in der produktbegleitenden Dokumentation werden als Konstruktionsfehler betrachtet und führen zu den erheblichen Rechtsfolgen des Gesetzes.
In den eben genannten Stellenanzeigen fällt es dann sehr negativ auf, wenn gesagt wird, dass der Stelleninhaber zeitweilig auch Sekretariatsaufgaben übernehmen muss. Erfreulicher ist es dann, wenn man anderswo liest: "Der ideale technische Übersetzer ist kein Übersetzer im klassischen Sinn. Er zeichnet sich neben seiner Übersetzungsstärke durch Organisations- und Managementkompetenz aus" und - in derselben Anzeige - "die ... Übersetzer ... sind für die Durchführung diverser Projekte sowie für die Prozessorganisation verantwortlich". Von einem anderen Sprachendienst wird berichtet, dass die Übersetzer mittlerweile die Funktion von Projektleitern mit hoher Eigenverantwortung ausüben.
Leider ist dieses Berufsbild noch nicht im öffentlichen Bewusstsein verankert. Hier ist unser Verband aufgerufen, zur Lösung dieses Imageproblems beizutragen.
Und wie geht es dann weiter, wenn man ins Berufsleben tritt? Wie auch in anderen Berufen, müssen sich Übersetzer und Dolmetscher ständig weiterbilden. In dieser Hinsicht ist unser Verband behilflich. Unsere Veranstaltungen behandeln solche Themen wie Qualitätsmanagement (Stichwort DIN 2345), Marketing, Organisationsformen für Freiberufler, elektronische Werkzeuge und Recherchen im dem oft unüberschaubaren und undurchdringlichen Netz, dem Internet.
Ein Netz im überaus positiven Sinne ist das Réseau franco-allemand, an dem ATICOM sowie Verbände aus Belgien, Frankreich und der Schweiz beteiligt sind. Ein Gedanken- und Erfahrungsaustausch sowie gemeinsame Veranstaltungen finden in diesem Rahmen statt. Ein Austausch mit Berufskollegen - auch über nationale Grenzen hinweg - ist zweifelsohne sehr sinnvoll und nützlich (solange es nicht zu einem Lamentieren über gemeinsame Probleme wird!).
Um die deutsch-französischen Beziehungen - natürlich nicht nur zwischen Übersetzern oder Dolmetschern - geht es in der Diplomarbeit von Frau Krämer mit dem Titel "Die Angst in Frankreich vor Deutschland als Motor der europäischen Integration - besonders im Hinblick auf die deutsche Wiedervereinigung und den Vertrag von Maastricht". Sie entschied sich für dieses Thema, weil sie nach ihrem Praktikum im Europäischen Parlament das Bedürfnis hatte - wie sie selbst sagt - "den dunklen Gründen und nationalen Motiven, die hinter der europäischen Integration stehen, 'auf den Zahn zu fühlen'". Es war ihr Ziel, komplizierte historische und politische Sachverhalte anschaulich darzustellen, was ihr auch gut gelungen ist, denn für diese landeskundliche Arbeit erhielt sie die Traumnote 1,0. Der Spaß an dieser Erarbeitung scheint förmlich durch. Bewahren Sie sich diese Freude auch im späteren Berufsleben!
Heute bereitet es mir eine besondere Freude, den diesjährigen ATICOM-Förderpreis an Frau Anne-Kristin Krämer als besondere Würdigung ihrer Leistung als beste Absolventin des Jahrgangs 1999 zu übergeben. Wir gratulieren ihr sehr herzlich und wünschen ihr - wie auch allen Absolventen - für den weiteren Lebensweg alles Gute und natürlich auch einen guten Start ins Berufsleben und die richtige Weiterbildung!
Ich danke Ihnen.