9. Jahrestreffen des Réseau franco-allemand Brüssel,

November 2002

Diesmal fand das nun schon zur Tradition gewordene Treffen von Übersetzern und Dolmetschern aus Belgien, Frankreich, Deutschland und der Schweiz auf Einladung der Chambre Belge des Traducteurs, Interprètes et Philologues statt – leider dieses Jahr ohne Teilnehmer aus Österreich. Die intensive Vorbereitung u.a. durch S. Brügelmann-Gaspard und D. Grollmann war an Programm, Tagungsstätte, Unterbringung, Verpflegung und anderem wohltuend zu spüren.

Schon beim "Wiederfinden" der Réseau-Mitglieder am Abend des 1.11. am Brüsseler Grand Place herrschte das gute Gefühl, Kollegen aus den fünf genannten Ländern persönlich zu begegnen, einander (nicht nur) fachlich besser kennen zu lernen, im direkten Gespräch nachhaken zu können, z.B. zum fachlichen Austausch über das Internet, der in letzter Zeit (– was sich als Zeichen gegenseitiger Achtung interpretieren ließe –) immer intensiver wird.

Die Workshops vom 2.11. waren jeder auf seine Weise für die betreffenden Gebiete interessant und aufschlussreich.

B. Flamin (Gaz de France) referierte zum Thema "L'énergie dans le couple franco-allemand – les t(h)ermes de l'échange". Hinter dem (fast zu) anspielungsreichen Titel, (nach dessen deutscher Entsprechung noch immer gesucht wird), verbarg sich ein Exkurs zur Stellung speziell des Erdgases als Energiequelle in der Welt. Hauptthema war ein terminologischer Vergleich zwischen den französischen und deutschen Fassungen von EG-Richtlinien zur Energieversorgung aus den Jahren 1991 und 1998. Neben dem interessanten Vokabular wurden zwei Dinge besonders deutlich: bei der Übersetzung derartiger Richtlinien und auf sie Bezug nehmender Verträge geht es vor allem um die Kenntnis des einmal gefundenen und dann weiter verwendeten Sprachmusters und: auch in derartigen Unterlagen wandelt sich die Terminologie im Laufe der Zeit, sie wird – wie am vorgebrachten Beispiel deutlich sichtbar – genauer, (besser?), soweit eine Beurteilung von Übersetzungen zu dieser Art Unterlagen überhaupt möglich ist.

Der Vortrag von Josef Combüchen (EUROCONTROL) "Juristische Termini und ihre Systemgebundenheit: Äquivalenzprobleme im Verhältnis Deutsch / Französisch anhand von Übersetzungsbeispielen (B, D, A, CH)" befasste sich vor allem mit der Erkenntnis, dass ohne Wissen um den sachlichen Hintergrund Übersetzung fraglich, eigentlich unmöglich wird. J. Combüchen legte eine detaillierte Auswahl von Definitionen zu den verschiedenen Rentensystemen und speziell -arten in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit (zumeist) offiziellen Übersetzungen ins Französische vor. Am Beispiel "Diener der Kulte" aus der dreisprachigen belgischen Verfassung (fr: ministres des cultes, nl: Bedienaren van einige eredienst) wurde besonders deutlich, dass "offizielle" Übersetzungen nicht unbedingt die geglücktesten Entsprechungen enthalten, aber die Einbürgerung von Sprachgebrauch zählebig ist und wegen der weiten Verbreitung nicht so einfach umgangen werden kann.

Dem Vergleich folgten französische Übersetzungsvorschläge zu deutschen Fachwörtern aus Recht und Verwaltung. Die Sichtung des für viele sicher nützlichen Vokabulars ergab, dass besondere Übersetzungsschwierigkeiten bei nicht deckungsgleichem sachlichen Hintergrund entstehen. Äußerst hilfreich scheinen die vielen Referenzen zu mehrsprachigen Datenbanken, Informationen zu juristischen Klassifikationssystemen, sogar ein Terminologievergleich CH / D und nicht zuletzt Weiterbildungsangebote.

Der Vortrag zur "Mehrdeutigkeit häufig gebrauchter Begriffe in der Tiermedizin und in der Landwirtschaft" von B. Mileto vom Bundesamt für Veterinärwesen der Schweiz widmete sich einem sehr speziellen Gebiet, an dem u.U. nicht viele Übersetzer arbeiten. Durch die Darstellung des allgemeinen landwirtschaftlichen Hintergrundes mit dem Schwerpunkt der tiermedizinischen Kontrollen und die vorgenommene Differenzierung der einzelnen Untersuchungs-Phasen war der Vortrag in einer Zeit der besonderen Sensibilisierung für dieses Thema allgemein wie sprachlich interessant.

Der Beitrag "Aménagement du temps de travail – nouvelle terminologie" von J. Vinbert brachte Beispiele aus der praktischen Arbeit und schilderte die Suche nach genauen französischen Entsprechungen zu Termini wie Arbeitszeitkonto, Altersteilzeit, Lebensarbeitszeit aus sehr aktuellen deutschen Texten zu Fragen der Arbeitszeitorganisation aus Deutschland. Modernes Vokabular scheint den Vorteil zu haben, dass (noch) Varianten toleriert werden – mit Blick auf die Subjektivität der Sprache an sich.

Eine praktische Übersicht zu Kosten und Tarifen für Übersetzungen in den "Réseau-Ländern" fand verständlicherweise reges Interesse. Es vermittelt sicher Verhandlungsstärke, die Konditionen in den anderen Ländern zur Orientierung zu kennen – wenngleich Einzelheiten wohl zwangsläufig der konkreten Vereinbarung im speziellen Rahmen vorbehalten bleiben werden.

Résumé: Das Jahrestreffen des Réseau français-allemand wird mit jedem Jahr besser. Es gibt neue, konkrete fachliche Informationen, es bietet die Möglichkeit des Nachfassens zu im Internet angesprochenen Themen, es fördert den Austausch allgemein und stärkt das Bewusstsein, dass in Frankreich, Belgien, Österreich, Deutschland und der Schweiz an vergleichbaren Themen und Problemen gearbeitet wird – man kann sich gegenseitig fragen, den Dingen unter Kollegen nachgehen und mit sachlichen, weiterführenden Antworten rechnen. Das ist viel in unserer Zeit.

C. Götz Dipl.-Dolmetscher und -Übersetzer frz., russ.