11. Jahrestreffen des Réseau franco-allemand Biel,

Oktober 2004

Schon aus dem Programm war klar ersichtlich, dass sich das diesjährige Treffen in der Schweiz abspielte: „Besammlung“ vor dem Hotel Plaza. Kein Druckfehler, sondern Schweizerdeutsch, mit dem wir auch bei unserem sonntäglichen Spaziergang durch die Bieler Altstadt noch mehrmals Bekanntschaft machen sollten. Zuvor war jedoch ein vollgepacktes Programm zu bewältigen.

Es begann mit dem Atelier „Pleonasmen und Redundanzen“ präsentiert von Frank van Pernis (ASTTI). Was machen wir als Übersetzer mit Pleonasmen wie Grundbasis, demnächst anstehend, Teilelement, flankierenden Maßnahmen als wichtigstem Bestandteil? Auch die französische Sprache ist nicht dagegen gefeit, wie mise en commun des synergieszeigt. Streichen? Dem Lektorat melden? Weshalb entstehen sie überhaupt? Ist es das Bestreben, sich besonders deutlich auszudrücken, die selbsternannte Verpflichtung, jedes Substantiv mit einem Adjektiv zu „schmücken“? Einig waren sich alle Teilnehmer darüber, dass Sinntreue und guter Stil in jeder Übersetzung anzustreben seien und Sache des Übersetzers sind. Auftraggeber werden über Anfragen zu Pleonasmen sicher kaum erfreut sein.

Ein Pleonasmus, der keiner ist: Geschäftsleitung und Management. Mit Management wird im allgemeinen die oberste Führungsebene unterhalb des Vorstands bezeichnet, französisches Gegenstück sind der Conseil d’administration und die cadres dirigeants.

Jacqueline Gartmann, gebürtige Schottin im Schweizer Grison lebend, spezialisiert auf Psychologie und Übersetzerin von Freud, machte sich Gedanken über englische Begriffe im deutschen Ausgangstext. Sollten sie übersetzt oder besser die englische Version beibehalten werden? Anglizismen bekommen in nicht englischsprachigen Ländern eine verschwommene oder sogar andere Bedeutung, die Engländer häufig überrascht. Anglopollutionsteht der Klarheit des Ausdrucks entgegen, was möglicherweise sogar angestrebt wird. Zu den falschen „deutschen“ Anglizismen gehören Tip-top, cool (englisch: trendy), handy (in England ein Papiertaschentuch), braintrust und happy-end. Vorsicht auch bei Abkürzungen: Viele englische VIPs (visually impaired persons) würden sich über die VIPs in Deutschland und Frankreich entgegengebrachte besondere Aufmerksamkeit freuen. In die französische Sprache haben footing, nurse, cool, slip, looser und andere, in der englischen Sprache nicht, oder mit anderer Bedeutung existierende Wörter Eingang gefunden.

Ein neues Wort ist immer stark und schwächt sich im Laufe der Zeit ab. Das zeigt sich am Wort Team, das Sport, Boot, Zusammengehörigkeit assoziiert. Immer häufiger hört man Task-force (für groupe ad-hoc, cellule de crise, groupe de travail) und Crewanstelle der altmodisch gewordenen Mannschaft.

Was machen mit Recycling? Warum nicht Rezyklieren? Ein besonderes Schicksal trifft das englische Poster. Früher ein Anschlag, wie jeder andere, wurde seine Bedeutung auf die heute übliche eingeschränkt, die Werbung ausschließt. An seine Stelle traten Ad (für Advertising) und bill (Bill-board = Anschlagtafel). J. Gartmann würde gern eine ganze Liste solcher Anglizismen zur Diskussion stellen. Kontakt: gartmann.english@bluewin.ch.

Über die Entstehung des Wörterbuchs Hochwasserschutz berichtete Elmar Meier. Das Wörterbuch enthält Begriffe aus dem Hochwasserschutz in deutscher, französischer, italienischer und englischer Sprache einschließlich Definitionen. Es entstand in 8-jähriger Arbeit und wird herausgegeben vom Haupt-Verlag (ISBN 3-258-06536-5, 45 €, CD inbegriffen). Der gesamte Terminologiebestand wurde in Termdat, die Terminologiedatenbank der Bundesverwaltung, aufgenommen, die regelmäßig in Eurodicautom überführt wird. Termdat ist jedoch nur den regelmäßigen Mitarbeitern der öffentlichen Einrichtungen über das Intranet zugänglich.

Renaud Moeschler stellte den Fichier français de Berne vor, der kürzlich ins Internet gestellt wurde. Der Fichier français de Berne ist eine Terminologiesammlung, in die vor allem ungewöhnliche Bedeutungen und Übersetzungsmöglichkeiten aufgenommen werden. Mehrere Beispiele haben im Laufe des diesjährigen Treffens die Diskussionen bereichert. Die Sammlung wurde 1959 bis 1962 angelegt, 1996 überarbeitet und wird seither ständig erweitert. Der Fichier de Bernekann in der Internet-Plattform gegen einen moderaten Unkostenbeitrag konsultiert werden.

Traduire pour l’audiovisuel – ein Traum für viele, der leicht zum Alptraum werden kann. Josie Mély, Diplomdolmetscherin und nach einer ersten freiberuflichen Tätigkeit heute Übersetzerin bei der Fernsehanstalt Arte und als literarische Übersetzerin tätig, gab einen Einblick in die speziellen Arbeitsbedingungen und Schwierigkeiten der Arbeit für Fernsehsender und Filmfabriken. Ganz wie bei technischen Übersetzungen arbeiten die Auftraggeber mit Dienstleistungsbetrieben zusammen, die sich wiederum an Freiberufler wenden. Das Untertiteln von Filmen ist keine einfache Aufgabe. Die Kassetten sind zeitkodiert, die Lesezeiten für Untertitel müssen eingehalten werden, eine Schwierigkeit, die gewisse Fähigkeiten zum Dolmetschen erfordert. Meist reicht es nur für eine Zusammenfassung des gesprochenen Textes. Außerdem sind die Zeitmarken im Film zu beachten. Eine aufregende Arbeit, die Simulations- und Anpassungsfähigkeit voraussetzt. Bei der Doublage (voix off) wird der gesamte Text vom Dolmetscher gesprochen, in der Regel bei Nachrichtensendungen und Reportagen. Gelegentlich werden Dolmetscher auch zur Unterstützung des Aufnahmeleiters hinzugezogen.

Wie andere Bereiche ist die Medien-Übersetzung ein hart umkämpfter Markt. Gut hundert Übersetzer sind Mitglied im Syndical National des Auteurs Compositeurs und am Umsatz ihrer Arbeit beteiligt. Daneben gibt es ein Heer von Übersetzern, die auf reiner Honorarbasis arbeiten. Für alle, die sich für diese Branche interessieren, sei auf die „Rencontres de traduction audo-visuelle“ hingewiesen, die, unterstützt von der FIT und dem BDÜ, eine Plattform der Begegnung zwischen Übersetzern und Dienstleistern sind.

Mit der Terminologie von Vorträgen und offiziellen Veranstaltungen, Pressemitteilungen und ähnlichem konfrontierte Marie-Noëlle Buisson-Lange die Teilnehmer. In gemeinsamer Arbeit wurden Übersetzungsvorschläge gemacht für Tagung, Veranstaltung, Eröffnungsveranstaltung (ouverture de, séance d’ouverture, inauguration, lancement de...), Fachkonferenz (conférence + citation de la profession...), Kick-off-Veranstaltung (séance de lancement), Podiumsdiskussion (conférence débat, table ronde, plateau télévisé, repas-débat) und Infotainment (Info divertissement). Selbst altbekannte und viel verwendete Begriffe sind nicht immer problemlos, wie befürworten und begrüßen zeigen, die in vieler Hinsicht verstanden und verwendet werden. Hier trug der Fichier de Berne mit vielen Lösungen bei. Unzählig sind die Varianten für Reden jeder Art: Willkommensgruß und Antrittsrede, Grußworte, einleitende Worte und viele andere bis zur feierlichen Eröffnung erfordern viel Fingerspitzengefühl bei der Übersetzung, die in vielen Fällen nur eine Umschreibung sein kann. Das gleiche gilt für Empfänge, die geladenen Gäste, das Protokoll, deren spezifische Besonderheiten zur richtigen Übersetzung bekannt sein müssen.

Als letzten Workshop präsentierte Silvia Brügelmann mit viel Humor unter dem Thema Néologismes du Monde et d’ailleurs Fundstücke aus dem Internet und der Tageszeitung Le Monde. Zusammensetzungen mit Web werden immer häufiger und reichen von Webaholic über Webschrift, Weblog, Webumentaire, Webencyclo bis zu Web-TV. Sie sind nicht die einzigen, auch „thek“ wird immer beliebter. In Anlehnung an Bibliothek entstanden Diathek und Filmothek, neuerdings auch Genothek, Phonothek, Inathek (Institut National de l’Audiovisuel) und selbst sf-thek (science fiction). Nur Eingeweihte verstehen sicherlich Abkürzungen wie BOBO (für bourgeois-bohème) im Zusammenhang mit Stadtentwicklung, wenn ganze Viertel „se boboisent“. Abend bedeutet nicht unbedingt Feierabend und Sonnenuntergang sondern auch „abnormal end“, wenn der Computer abstürzt. Kofferwörter (mots valise) nennt man in Frankreich beliebte Zusammenziehungen wie das bekannte courriel und pourriel (für E-mail und Spam), oder unbekannte, wie digima (digital cinema, micro cinéma, micro-entertainment). Sie reizen zum Witzeln: was sind ein Milchien, ein Chérisson, ein Misantrophage? (Lösung) Ganz aktuell ist Workfare, womit Unterstützung mit Gegenleistung als aktivierende Maßnahmen für Arbeitslose gemeint ist (französisch: travail obligatoire ou allocation conditionnelle).

Selbstverständlich gab es auch bei diesem Treffen des Réseau reichlich Möglichkeit für die rund 60 Teilnehmer, neue Kontakte zu knüpfen, sowohl bei den gemeinsamen Essen wie bei der interessanten Führung durch die Bieler Altstadt am Sonntag morgen. Vom 28-30. Oktober 2005 wird das nächste Treffen des Réseau in Berlin stattfinden. Anfragen richten Sie bitte an Marie-Noëlle Buisson-Langevon ATICOM oder an den Übersetzerverband Ihres Landes (SFT, ASTTI, CBTIP).

Sabine Colombe