
Berlin, Oktober 2005
Vielleicht kamen einige zum 12. Jahrestreffen des Réseau Franco-Allemand vom 28.-30.10.2005 nach Berlin mit besonders großen Erwartungen, weil neben Wiedersehen und Gesprächen mit Kollegen und dem Vortragsprogramm die "neue" deutsche Hauptstadt, die auf gutem Wege scheint, endlich eine internationale Großstadt zu werden, u. a. mit ihrem riesigen Kulturangebot winkte.
Dank der intensiven Vorbereitung des Treffens durch die drei Grandes Dames du Réseau, Frank van Pernis und Sabine Kohl war der inhaltliche und der äußere Rahmen geschaffen, um nicht nur Sprach- und Übersetzerkenntnisse zu erweitern, sondern sich auch sonst Neuem zu öffnen. Das sonnig-klare Berliner Spätherbstwetter trug seinen Teil zum Gelingen bei.
Schon am Anreisetag abends ward für Erweiterung der Geschichtskenntnisse gesorgt. Im Hugenottenmuseum am Gendarmenmarkt war zu erfahren, was es vor gut dreihundert Jahren bedeutete, als vertriebener Franzose nach Preußen zu wechseln - und welch fruchtbare Folgen die aus der Not geborene "internationale Mischung" hatte.
Beim ersten Abendessen der Réseauistes im Restaurant Habel herrschte lebhaft-herzliche Wiedersehensstimmung - sehr anschaulich und kurzweilig gesteigert durch Sabine Kohls Spurensuche französischer Prägungen im Berliner Dialekt. Wer weiß schon, welche Wurzeln in Berliner Worten wie "blümerant", "Muckefuck", "bonfortionös" und "Fisimatenten" stecken. Der Trinkspruch auf den "General Knusemong" trieb die verblüffte Spannung auf die Spitze: Dass Sabine berlinerisch das Glas auf "en général, ce que nous aimons" erheben wollte, brauchte einen Moment bis in die Hirne, ehe es einen vergnüglichen Abend einleitete.
Am Samstag begann das Seminar mit einem Vortrag von Dr. Annelise Glander aus Wien: "Ist Österreichisch eine andere Sprache?" Nach einer "süßen" Einleitung mit Mozartkugeln arbeitete Frau Dr. Glander heraus, dass sich das Österreichische vom Deutschen unterscheidet: Vor allem in der entwickelten österreichischen Amtssprache und in der Rechtssprache. Die Unterschiede belegte sie mit Terminologiesammlungen der Österreichischen Nationalbank, mit Auszügen aus R. Voyats Beitrag in T&T 3.2002 zur österreichischen Kanzleisprache und mit einer eigenen Sammlung zur Verwaltungssprache Österreichs.
Es wurde deutlich, dass in eingeschränkten Gebieten Unterschiede zum Deutschen durchaus vorhanden sind. Welcher Nichtösterreicher weiß schon, dass in der österreichischen Verwaltung mit "Dekret" eine Anstellungs- oder Ernennungsurkunde gemeint ist oder mit "Erlagschein" ein Zahlschein; oder dass etwas zu "vidimieren" eine amtliche Beglaubigung bedeutet. Als Ribisel-Nachtisch (zu deutsch: Johannisbeeren) gab es noch eine Wortsammlung zur österreichischen Küchensprache.
Die Glossare wurden von allen gern entgegen genommen. Sicher werden sich auch Reseau-Mitglieder finden, die dem Wunsch von Dr. Glander nachkommen und ihr über das RFA-Netz Anfragen oder Beiträge für die Terminologieplattform zur Verbreitung des österreichischen Sprachgutes bei der EU senden, an der Fr. Glander offensichtlich zimmert..
Persönlich quälte mich nach diesem Vortrag die Frage, ob man sich tatsächlich aufwändig auf die Unterschiede konzentrieren soll? Gut, dass Frau Dr. Glander selbst Grillparzer anführte: Der Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern besteht darin, dass die Deutschen verstehen wollen, aber nicht können, während die Österreicher verstehen können, aber nicht wollen.
Der nächste Vortrag kam von Dr. Gawlitta, Buchautor und Regionalvorsitzender vom Verein Deutsche Sprache e.V.:"Eine Europasprache - unser Schicksal? Perspektiven für Deutsch und Französisch".K. Gawlitta arbeitete heraus, was wohl auch Fr. Glander umtreibt: Sprache ist Macht.
Sein magisches Dreieck der Politik:
Macht
Ansehen Geld
hatte nach Überlegungen darüber, ob man sich in der Europäischen Union für eine Sprache entscheiden solle, viel Überzeugungskraft. In der Tat, vieles, was zu Ansehen, Macht und Geld führt, nämlich Kreativität, Durchsetzungsfähigkeit und Beharrlichkeit, lässt sich in der Muttersprache am Besten zur Geltung bringen.
Dr. Gawlitta hat das in seinem fiktiven Roman "Der verkaufte Mund" anschaulich, kurzweilig und in gutem Deutsch geschildert, in dem selbst das Goethe-Institut verlangt, dass Vorlesungen über deutsche Literatur auf Englisch gehalten werden... Das heuchlerische Argument der Völkerverständigung zugunsten des alles vereinheitlichenden Englischen entlarvte er überzeugend mit Rückblicken in die Geschichte und Seitensprüngen in die Psychologie: Der Zwang zur Einheitssprache bedeutet Privilegierung der Sprecher, deren Muttersprache die Einheitssprache ist.
Dr. Gawlitta plädierte für eine Revitalisierung der Arbeitssprachen in der Europäischen Union, brach eine Lanze für das Deutsche schon deshalb, weil Deutschland das volkreichste Land Europas ist, und nannte Brückensprachen als denkbare Lösung für das wirtschaftliche Problem zu großer Sprachenvielfalt, z. B. Spanisch, Italienisch oder Polnisch. "Dreisprachigkeit sollte für EU-Beamte Pflicht sein", postulierte er. - Warum eigentlich nicht, bei der Exzellenz, die diese Beamten für sich in Anspruch nehmen.
Auch Dr. Gawlittas praktische Vorschläge zur Pflege des Deutschen im Kleinen stießen auf viel Resonanz. Der von der UNESCO finanzierte Rat für Deutschsprachige Terminologie, der Sprachkreis Deutsch in der Bubenberg-Gesellschaft in Bern, eine Zusammenarbeit der Einrichtungen zur Pflege der deutschen Sprache aus der Schweiz, Luxemburg, Belgien, Österreich und Deutschland und Kontakte zwischen diesen Gremien und dem Verband der Francophonie kamen ins Gespräch. Die Hinterfragung von Entwicklungstendenzen der Sprachverbreitung bietet fruchtbaren Stoff für weitere Gespräche - und für Haltungen.
"Der translatorische Ansatz in der Evaluierung von Übersetzungen"von Freddie Plessard befasste sich konkret mit dem Übersetzen und lieferte theoretisches Rüstzeug. Nach einleitender Differenzierung zwischen Evaluation, Überprüfung und Revision suchte sie zunächst nach Kriterien der Bewertung einer Übersetzung und fand sie nicht erst im Übersetzungsprodukt, sondern früher: im Gesamtherangehen des Übersetzers und in seinem allgemeinen Konzept, das geschichtlich, sozial, literarisch und ideologisch geprägt ist, auch in der praktischen Durchführung des Übersetzungsprozesses.
Die Bewertung als Tätigkeit sah sie beeinflusst von der "position traductive", dem "projet de traduction" und dem "horizon traductif", d.h. sie spannte den Bogen von der Vorstellung, die der Übersetzer davon hat, was "gut übersetzt" bedeutet, über die Anwendung dieser Vorstellung auf ein konkretes Projekt bis hin zum Leser, für den die Übersetzung bestimmt ist
Vor diesem Hintergrund ging sie auf die praktische Umsetzung der Evaluation ein und führte dann "handwerkliche" Mittel an: Selbstkorrektur, Gegenlesen, fachliche Überprüfung, (Terminologie), Mehrfach-Korrektur (bei Veröffentlichung). Sie nannte empirische Etappen wie die zielgerichtete Überprüfung von Zahlen, Daten, Namen, naives Lesen zur Ausmerzung des "Übersetzungs-Geruchs", die Gegenüberstellung von Ausgangs- und Zieltext (ohne die es nachweislich 7 x mehr Fehler gibt !) und die Diagnostik durch Kategorisierung von "zu erwartenden" Fehlern.
Schließlich erwähnte sie Mittel der Bewertung unter Gesichtspunkten der (formalen) Qualitätssicherung mit Aspekten wie orthographischer und grammatikalischer Korrektheit, Synthax- und Terminologietreue, "technischen" Qualitäten wie Vollständigkeit, Einhaltung der Vorgaben des Auftraggebers und schließlich Homogenität im Sinne einer Harmonisierung aller Einzelaspekte im übersetzten Text als Ganzes
Das genannte Ziel der Übersetzung, nämlich die Herstellung eines zweiten Textes, der unter dem Aspekt der Kommunikation beim die Zielsprache sprechenden Empfängerkreis die gleichen Funktionen erfüllt wie das Original bei den Sprechern der Ausgangssprache, stieß als Hauptkriterium für die Bewertung auf breite Zustimmung. Wie dies erreicht werden kann, wurde an Beispielen demonstriert und hinterfragt, von denen die Zuhörer nicht genug bekommen konnten. Dass unter Übersetzern die Zunft der Praktiker stärker vertreten ist als die der Theoretiker, zeigte sich daran deutlich.
Der Vortrag von Freddie Plessard half, Distanz zu finden zur Nur-Praxis, sich der unterschiedlichen Mittel zur Beurteilung von Übersetztem bewusst zu werden und spontane Urteile zu hinterfragen, an Objektivität zu gewinnen. Ich bedaure, dass Freddie Plessard keinen monatlichen Übersetzer-Stammtisch in Berlin abhält, ich wäre regelmäßiger Teilnehmer.
Der nächste Vortrag "Zur Terminologie der Mehrwertsteuer in der Schweiz"kam von Sylvie Jeandupeux. Bei der auszugsweisen Besprechung des wertvollen Glossars, das auf einem Vergleich zwischen dem deutschen und dem französischen Mehrwertsteuergesetz der Schweiz basierte, wurden auch Einblicke in das Schweizer Verständnis von dieser Steuer vermittelt. Sicher ist es verlockend, den Vergleich zu erweitern auf das Mehrwertsteuergesetz in Deutschland bzw. in Frankreich. Allerdings wäre das wohl eher Gegenstand einer Doktorarbeit
Silvia Brügelmann stellte am Ende des langen Arbeitstages die "neuesten" Neologismen ihrer umfangreichen Sammlung vor. An Beispielen erläuterte sie den Unterschied zwischen Okkasionalismen: neuen Wörtern, die in Verbindung mit bestimmten Ereignissen auftauchen und bald wieder verschwinden (z.B. die "ouistes" und die "nonistes" bei der Abstimmung über die europäische Verfassung) und Neologismen: Wörtern, die in das Sprachgut eingehen und über längere Zeit verwendet werden. Letzteren widmete sie sich neben neuen Kunstwörtern (Infotainment) und assoziativen Wortbildungen (glocalisation) intensiver, besonders den "Kofferwörtern": Zusammenziehungen aus zwei "konventionellen" Wörtern, die einen neuen Sinn ergeben: So eingebürgerten Bildungen wie "Internet" (Interconnected + networks), "Datei" (Daten + Kartei), "Brunch" (breakfast + lunch) stellte sie neuere Schöpfungen wie "alicament " (aliment + médicament), " infogérance " (informatique + gérance), " infomercial " (informatique + commercial) gegenüber.
Der Vortrag war anschauliches Beispiel dafür, dass sich - gleichzeitig mit unserem Wissen - auch die Sprache immer schneller entwickelt. Ob sie dabei wirklich reicher wird, wäre ein dankbares Thema für eine ernste Diskussion, durchaus der Gefahr des Ausuferns ausgesetzt - möglicherweise auf einem anderen Treffen des Réseau.
Beim 12. Jahrestreffen begann nach diesem letzten Beitrag und anstrengenden Tag das Freizeitprogramm, mit einem stimmungsvollen Abendessen am Gendarmenmarkt, mit Gesprächen, architektonischen Entdeckungen, einem Blick hinter die Mauern des Bundestages, musealen Genüssen, Kabarett, Theater und Konzert...
Wenn es in der EU auch nicht gerade zum Besten bestellt ist nach dem "Non" der Franzosen und dem "Néé" der Niederländer zur europäischen Verfassung, in den Niederungen der Réseau-Übersetzer ist die europäische Integration gerade ein Stück weiter vorangekommen; der Austausch zu "Arbeitsfragen über das Internet erlebt einen "Boom", auch nahezu professionelle Photoblogs über die Berliner Tage sind im Umlauf; für das Réseau melden sich neue Mitglieder; der Austausch von Telefonnummer und Privatadresse hat längst stattgefunden.
Es bedurfte dazu noch nicht einmal eines Mitgliedsbeitrages für das Réseau, es zählten eher berufliche Neugier, gegenseitiges Wohlwollen, ehrlicher Wille und sehr viel Engagement, besonders von Marie-Noelle, Silva, Sabine, Sabine, Frank...... Mag es uns anspornen zu aktivem Mittun. Das nächste Treffen 2006 in Brüssel steht schon fest.
Christine Götz
Oktober 2004
Schon aus dem Programm war klar ersichtlich, dass sich das diesjährige Treffen in der Schweiz abspielte: „Besammlung“ vor dem Hotel Plaza. Kein Druckfehler, sondern Schweizerdeutsch, mit dem wir auch bei unserem sonntäglichen Spaziergang durch die Bieler Altstadt noch mehrmals Bekanntschaft machen sollten. Zuvor war jedoch ein vollgepacktes Programm zu bewältigen.
Es begann mit dem Atelier „Pleonasmen und Redundanzen“ präsentiert von Frank van Pernis (ASTTI). Was machen wir als Übersetzer mit Pleonasmen wie Grundbasis, demnächst anstehend, Teilelement, flankierenden Maßnahmen als wichtigstem Bestandteil? Auch die französische Sprache ist nicht dagegen gefeit, wie mise en commun des synergieszeigt. Streichen? Dem Lektorat melden? Weshalb entstehen sie überhaupt? Ist es das Bestreben, sich besonders deutlich auszudrücken, die selbsternannte Verpflichtung, jedes Substantiv mit einem Adjektiv zu „schmücken“? Einig waren sich alle Teilnehmer darüber, dass Sinntreue und guter Stil in jeder Übersetzung anzustreben seien und Sache des Übersetzers sind. Auftraggeber werden über Anfragen zu Pleonasmen sicher kaum erfreut sein.
Ein Pleonasmus, der keiner ist: Geschäftsleitung und Management. Mit Management wird im allgemeinen die oberste Führungsebene unterhalb des Vorstands bezeichnet, französisches Gegenstück sind der Conseil d’administration und die cadres dirigeants.
Jacqueline Gartmann, gebürtige Schottin im Schweizer Grison lebend, spezialisiert auf Psychologie und Übersetzerin von Freud, machte sich Gedanken über englische Begriffe im deutschen Ausgangstext. Sollten sie übersetzt oder besser die englische Version beibehalten werden? Anglizismen bekommen in nicht englischsprachigen Ländern eine verschwommene oder sogar andere Bedeutung, die Engländer häufig überrascht. Anglopollutionsteht der Klarheit des Ausdrucks entgegen, was möglicherweise sogar angestrebt wird. Zu den falschen „deutschen“ Anglizismen gehören Tip-top, cool (englisch: trendy), handy (in England ein Papiertaschentuch), braintrust und happy-end. Vorsicht auch bei Abkürzungen: Viele englische VIPs (visually impaired persons) würden sich über die VIPs in Deutschland und Frankreich entgegengebrachte besondere Aufmerksamkeit freuen. In die französische Sprache haben footing, nurse, cool, slip, looser und andere, in der englischen Sprache nicht, oder mit anderer Bedeutung existierende Wörter Eingang gefunden.
Ein neues Wort ist immer stark und schwächt sich im Laufe der Zeit ab. Das zeigt sich am Wort Team, das Sport, Boot, Zusammengehörigkeit assoziiert. Immer häufiger hört man Task-force (für groupe ad-hoc, cellule de crise, groupe de travail) und Crewanstelle der altmodisch gewordenen Mannschaft.
Was machen mit Recycling? Warum nicht Rezyklieren? Ein besonderes Schicksal trifft das englische Poster. Früher ein Anschlag, wie jeder andere, wurde seine Bedeutung auf die heute übliche eingeschränkt, die Werbung ausschließt. An seine Stelle traten Ad (für Advertising) und bill (Bill-board = Anschlagtafel). J. Gartmann würde gern eine ganze Liste solcher Anglizismen zur Diskussion stellen. Kontakt: gartmann.english@bluewin.ch.
Über die Entstehung des Wörterbuchs Hochwasserschutz berichtete Elmar Meier. Das Wörterbuch enthält Begriffe aus dem Hochwasserschutz in deutscher, französischer, italienischer und englischer Sprache einschließlich Definitionen. Es entstand in 8-jähriger Arbeit und wird herausgegeben vom Haupt-Verlag (ISBN 3-258-06536-5, 45 €, CD inbegriffen). Der gesamte Terminologiebestand wurde in Termdat, die Terminologiedatenbank der Bundesverwaltung, aufgenommen, die regelmäßig in Eurodicautom überführt wird. Termdat ist jedoch nur den regelmäßigen Mitarbeitern der öffentlichen Einrichtungen über das Intranet zugänglich.
Renaud Moeschler stellte den Fichier français de Berne vor, der kürzlich ins Internet gestellt wurde. Der Fichier français de Berne ist eine Terminologiesammlung, in die vor allem ungewöhnliche Bedeutungen und Übersetzungsmöglichkeiten aufgenommen werden. Mehrere Beispiele haben im Laufe des diesjährigen Treffens die Diskussionen bereichert. Die Sammlung wurde 1959 bis 1962 angelegt, 1996 überarbeitet und wird seither ständig erweitert. Der Fichier de Bernekann in der Internet-Plattform gegen einen moderaten Unkostenbeitrag konsultiert werden.
Traduire pour l’audiovisuel – ein Traum für viele, der leicht zum Alptraum werden kann. Josie Mély, Diplomdolmetscherin und nach einer ersten freiberuflichen Tätigkeit heute Übersetzerin bei der Fernsehanstalt Arte und als literarische Übersetzerin tätig, gab einen Einblick in die speziellen Arbeitsbedingungen und Schwierigkeiten der Arbeit für Fernsehsender und Filmfabriken. Ganz wie bei technischen Übersetzungen arbeiten die Auftraggeber mit Dienstleistungsbetrieben zusammen, die sich wiederum an Freiberufler wenden. Das Untertiteln von Filmen ist keine einfache Aufgabe. Die Kassetten sind zeitkodiert, die Lesezeiten für Untertitel müssen eingehalten werden, eine Schwierigkeit, die gewisse Fähigkeiten zum Dolmetschen erfordert. Meist reicht es nur für eine Zusammenfassung des gesprochenen Textes. Außerdem sind die Zeitmarken im Film zu beachten. Eine aufregende Arbeit, die Simulations- und Anpassungsfähigkeit voraussetzt. Bei der Doublage (voix off) wird der gesamte Text vom Dolmetscher gesprochen, in der Regel bei Nachrichtensendungen und Reportagen. Gelegentlich werden Dolmetscher auch zur Unterstützung des Aufnahmeleiters hinzugezogen.
Wie andere Bereiche ist die Medien-Übersetzung ein hart umkämpfter Markt. Gut hundert Übersetzer sind Mitglied im Syndical National des Auteurs Compositeurs und am Umsatz ihrer Arbeit beteiligt. Daneben gibt es ein Heer von Übersetzern, die auf reiner Honorarbasis arbeiten. Für alle, die sich für diese Branche interessieren, sei auf die „Rencontres de traduction audo-visuelle“ hingewiesen, die, unterstützt von der FIT und dem BDÜ, eine Plattform der Begegnung zwischen Übersetzern und Dienstleistern sind.
Mit der Terminologie von Vorträgen und offiziellen Veranstaltungen, Pressemitteilungen und ähnlichem konfrontierte Marie-Noëlle Buisson-Lange die Teilnehmer. In gemeinsamer Arbeit wurden Übersetzungsvorschläge gemacht für Tagung, Veranstaltung, Eröffnungsveranstaltung (ouverture de, séance d’ouverture, inauguration, lancement de...), Fachkonferenz (conférence + citation de la profession...), Kick-off-Veranstaltung (séance de lancement), Podiumsdiskussion (conférence débat, table ronde, plateau télévisé, repas-débat) und Infotainment (Info divertissement). Selbst altbekannte und viel verwendete Begriffe sind nicht immer problemlos, wie befürworten und begrüßen zeigen, die in vieler Hinsicht verstanden und verwendet werden. Hier trug der Fichier de Berne mit vielen Lösungen bei. Unzählig sind die Varianten für Reden jeder Art: Willkommensgruß und Antrittsrede, Grußworte, einleitende Worte und viele andere bis zur feierlichen Eröffnung erfordern viel Fingerspitzengefühl bei der Übersetzung, die in vielen Fällen nur eine Umschreibung sein kann. Das gleiche gilt für Empfänge, die geladenen Gäste, das Protokoll, deren spezifische Besonderheiten zur richtigen Übersetzung bekannt sein müssen.
Als letzten Workshop präsentierte Silvia Brügelmann mit viel Humor unter dem Thema Néologismes du Monde et d’ailleurs Fundstücke aus dem Internet und der Tageszeitung Le Monde. Zusammensetzungen mit Web werden immer häufiger und reichen von Webaholic über Webschrift, Weblog, Webumentaire, Webencyclo bis zu Web-TV. Sie sind nicht die einzigen, auch „thek“ wird immer beliebter. In Anlehnung an Bibliothek entstanden Diathek und Filmothek, neuerdings auch Genothek, Phonothek, Inathek (Institut National de l’Audiovisuel) und selbst sf-thek (science fiction). Nur Eingeweihte verstehen sicherlich Abkürzungen wie BOBO (für bourgeois-bohème) im Zusammenhang mit Stadtentwicklung, wenn ganze Viertel „se boboisent“. Abend bedeutet nicht unbedingt Feierabend und Sonnenuntergang sondern auch „abnormal end“, wenn der Computer abstürzt. Kofferwörter (mots valise) nennt man in Frankreich beliebte Zusammenziehungen wie das bekannte courriel und pourriel (für E-mail und Spam), oder unbekannte, wie digima (digital cinema, micro cinéma, micro-entertainment). Sie reizen zum Witzeln: was sind ein Milchien, ein Chérisson, ein Misantrophage? (Lösung) Ganz aktuell ist Workfare, womit Unterstützung mit Gegenleistung als aktivierende Maßnahmen für Arbeitslose gemeint ist (französisch: travail obligatoire ou allocation conditionnelle).
Selbstverständlich gab es auch bei diesem Treffen des Réseau reichlich Möglichkeit für die rund 60 Teilnehmer, neue Kontakte zu knüpfen, sowohl bei den gemeinsamen Essen wie bei der interessanten Führung durch die Bieler Altstadt am Sonntag morgen. Vom 28-30. Oktober 2005 wird das nächste Treffen des Réseau in Berlin stattfinden. Anfragen richten Sie bitte an Marie-Noëlle Buisson-Langevon ATICOM oder an den Übersetzerverband Ihres Landes (SFT, ASTTI, CBTIP).
Sabine Colombe