13. Jahrestreffen des Réseau franco-allemand Brüssel,

Oktober 2006

Wer an Brüssel denkt, denkt vermutlich an feinste Schokoladen, moules-frites und Gueuze, sicherlich aber auch an Europa.

So stand am frühen Freitagnachmittag als 1. Punkt unseres diesjährigen Treffens ein Besuch bei der Generaldirektion Übersetzung der Europäischen Kommission auf dem Programm.

Von den in der GD Übersetzung angestellten Kollegen erfuhren wir, dass hier dauerhaft 1.650 Übersetzer und 550 Verwaltungsmitarbeiter damit beschäftigt sind, pro Jahr rund 1.300.000 Seiten in die 20 Amtssprachen, zu denen neben maltesisch künftig auch gälisch gehören soll, zu übertragen.

Ein Riesenapparat also, der gut ein Viertel seiner Arbeit an externe Übersetzer vergibt. Diese werden durch Ausschreibungen rekrutiert und erhalten, sofern die Auswahlkriterien erfüllt sind, Rahmenverträge, wobei jedoch - wie die Diskussion ergab - Auftragsvolumen und -häufigkeit nicht garantiert werden und - wie wiederholt betont wurde - in erster Linie das Preis-Leistungsverhältnis ausschlaggebend ist. Wie also sind unsere Chancen? Trotz Mehrsprachigkeit als erklärtem Grundsatz und Förderung von kultureller und sprachlicher Vielfalt zeichnet sich auch hier der allgemeine Trend zum Englischen ab: So wurden die Ausgangstexte noch 1992 zu 35% EN, 47% FR, 6% DE abgefasst; dagegen 2004: 62% EN, 26% FR, 3 % DE. Während sich der Anteil der englischen Ausgangstexte also in gut 10 Jahren etwa verdoppelt hat, hat sich der der deutsch- und französischsprachigen Originale annähernd halbiert. Es versteht sich von selbst, dass im Sinne einer ökonomischen Arbeitsweise und einer kohärenten Terminologie verschiedenartige Werkzeuge eingesetzt werden: von der maschinellen Übersetzung, über die Zuhilfenahme von zahlreichen Datenbanken bis hin zu externen und internen Übersetzungsspeichern.

Die gute Nachricht des Nachmittags: Die neue Terminologie-Datenbank IATE soll bis Ende 2006 das Eurodicautom ersetzen und alle einzelnen Datenbanken der EU-Organe mit einschließen und zwar öffentlich zugänglich und kostenlos (http://iate.cdt.eu.int/iatenew/login.jsp).

Das Sonnabend-Programm wurde eröffnet mit Karl-Heinz Grigos Vortrag über die Erneuerbaren Energien. Er bildete einen sanften, aber äußerst informativen Einstieg in die Materie, der auch verständlich wurde, wenn man nicht ausgewiesener Spezialist auf diesem Gebiet ist. Sein umfangreiches Glossar wurde an Ort und Stelle besprochen und ergänzt. Der Begriff der "Verspargelung" der Landschaft (durch Windkrafträder) förderte viele Übersetzungskreationen zutage, die noch in der Woche danach über die Mailing-Liste diskutiert wurden, ohne dass jedoch bislang eine ähnliche Metapher im Französischen gefunden wurde. Vermutlich entstehen in französischen und deutschen Köpfen angesichts dieser weißen, hoch in die Luft aufschießenden Masten nicht die gleichen Bilder...

Doris Grollmann stellte Überlegungen zur neuen Norm für Übersetzungsdienstleistungen an. Dank ihrer launigen Vortragsweise ein keinesfalls trockenes Thema. Die EN15038, die die bereits bestehenden Normen ablöst und für einen europäischen Standard sorgen soll, enthält einige Binsenweisheiten über Qualifikation und Erfahrung des Übersetzers, Auftragsabwicklung und Arbeitsablauf, die längst zur guten Praxis eines professionellen Sprachmittlers gehören. Neu hingegen sind die Forderung nach einer transparenten Projektdokumentation, die genaue Definition der Korrekturleseprozesse und die Festlegung des Vier-Augen-Prinzips, das viele von uns ja auch im Rahmen von Kollegennetzwerken schon anwenden. Die anschließende Debatte warf viele Fragen auf: von Was tun bei Eilaufträgen? über Wer zertifiziert mich, wieviel kostet dies und lohnt es sich auch für Freiberufler und nicht nur für große Agenturen? bis hin zum augenzwinkernden Wie werde ich am besten selbst Zertifizierer? Tipp: Die Norm ist beim Institut belge de normalisation (http://www.ibn.be) erhältlich, u.a. auch auf FR und DE, und kostet dort wesentlich weniger als in Frankreich oder Deutschland. Dennoch: Eine Norm ist kein Gesetz, sondern ein Regelwerk, das als Hilfsmittel eingesetzt werden kann. Die Absicht der Referentin ging auf: Eine Diskussion wurde angeregt und noch in der Mittagspause lebhaft fortgesetzt.

Und dann fiel mir dabei noch die Formulierung der Referentin laisser l'église au milieu du village auf, die bei meiner französischen Nachbarin Stirnrunzeln hervorrief, bei der ich natürlich an die Kirche im Dorf lassendachte. Eine kleine spontane Umfrage unter den Kollegen ergab, dass der Ausdruck in Belgien durchaus geläufig schien, in Frankreich allerdings kaum. Germanismus? Belgizismus?

Henry Landroit, der Vorsitzende des Cercle de qualité du français dynamique (C.Q.F.D.) sprach in seinem Exposé zunächst über seine Sprachbeobachtungen und den Wandel im Französischen allgemein und ging dann auf Belgizismen und die Besonderheiten des Französischen in Belgien ein.
Alte Bekannte wie septante und nonante für das standardfranzösische und in deutschen Ohren oft umständlich klingende soixante-dix bzw. quatre-vingt-dix tauchten wieder auf, so wie auch der Gebrauch von savoir an Stelle von pouvoir und Wendungen wie avoir facile wohl in Anlehnung an avoir froid, avoir chaud. Weitere lexikalische Besonderheiten sind natürlich im Bereich der Gastronomie anzutreffen (Vorsicht beim Genuss eines pistolet) und in der Rechts- und Verwaltungssprache. Gerade hier besteht für den deutschen Übersetzer die Schwierigkeit darin, den Belgizismus auch als solchen zu identifizieren. Für mich persönlich neu war die Abkürzung GSM für téléphone portable bzw. Handy.

Woher die Börse ihren Namen hat, sollten wir erst am Sonntag erfahren. Zunächst berichtete Bernhard Lorenz von seiner Arbeit bei der Übersetzung von Texten aus der Welt der Börse. Diese hochspezialisierte Fachsprache, angereichert durch englische Begriffe, spielt mit dem Gegensatz zwischen Abstraktion einerseits und lebendiger Metaphorik andererseits, ist oft nur von Experten zu entschlüsseln und lässt den gemeinen Leser - und potenziellen Investor - oft verständnislos zurück. Absicht? Wie so oft zeigt sich auch hier: Sprache ist Macht. Um uns nicht in ebenso tiefe Verwirrung zu stürzen, hat sich Bernhard dankenswerterweise auf die Bilder in der Börsensprache beschränkt. Die Metaphern, derer sich die Autoren bedienen, stammen u.a. aus den Bereichen Wetter (Kurse spüren Gegenwind - ces vents contraires), Wasser, Gebirge. Beliebt sind auch Personifizierungen, die Börse als Patient: Sie kränkelt, schwächelt, bis zum Kollaps oder erholt sich und reprend son souffle. Es verwundert wenig, dass Börsianer sprachliche Anleihen beim Sport und beim Automobil machen, um Dynamik und Veränderung auszudrücken (der DAX ist ein Langläufer, le second cylindre du moteur conjoncturel). Zahlreiche Beispiele zeigen, dass in beiden Sprachen eine ähnliche Metaphorik verwendet wird.

Pierre-André Rion weckte mit den Eingangsfragen zu seinem Vortrag La cuisine suisse des assurances sociales vielleicht bei einigen von uns das gern verdrängte Thema der persönlichen Vorsorge. Was der Referent dann tatsächlich aus der Küche der Sozialversicherung servierte, war keine leichte Kost. In seiner anspruchsvollen Darstellung des schweizerischen Drei-Säulen-Prinzips aus staatlicher, betrieblicher und privater Vorsorge arbeitete er am Beispiel der Invaliditätsrente heraus, wie bedeutend eine durchdringende Kenntnis dieser komplexen Thematik ist und wie beim Übersetzungsprozess auch zwischen den Zeilen gelesen werden kann und sollte.
Dankbar sind wir für das wertvolle Glossar mit Abkürzungen, die uns so häufig Kopfzerbrechen bereiten.

Ein intensiver Arbeitstag konnte nun bei einem Abendessen in einem typisch Brüsseler Altstadtlokal mit belgischer Waterzooi zu deutschen und französischen Weinen ausklingen. Eine weitere Gelegenheit, hier oder bei einem letzten Glas Gueuze auf der Grand'Place neue Reseauisten kennen zu lernen, alte Kontakte zu vertiefen und einfach das ständige Hin und Her zwischen den beiden Sprachen zu genießen. Großer Dank an dieser Stelle all denen, die dies immer wieder ermöglichen und vor und hinter den Kulissen für das Gelingen gesorgt haben.

Der Sonntag steht traditionsgemäß für unsere Treffen im Zeichen der Kultur und Landeskunde: Mit seiner exzellenten Führung brachte uns André Bartholeyns bei einem wahren "Marathon" durch Brüggeden Wandel dieser einst betriebsamen Handelsstadt zum verschlafenen Museumsstädtchen nahe. Seit dem wissen wir auch, dass das Wort "Börse" auf eine Kaufmannsfamilie mit dem Beinamen "van der Beurs" zurückgeht, vor deren Haus sich um 1600 die Händler zum Warenaustausch trafen.

Wohlig erschöpft trete ich meinen Rückflug an; und während hinter mir das Atomium in der Nachmittagssonne blinkt, lasse ich noch einmal Gesichter und Gespräche Revue passieren und freue mich auf nächstes Jahr in Nizza (26.-28. Oktober 2007).

Sibylle Schmidt ADÜ Nord