17. Jahrestreffen des Réseau franco-allemand

 Hamburg, 22. bis 24. Oktober 2010

17. Jahrestreffen des Réseau franco-allemand

In diesem Jahr fand das RFA-Treffen vom 22. bis zum 24. Oktober in Hamburg statt. Am Freitagvormittag bestand Gelegenheit zu einem Besuch des Internationalen Seegerichtshofes. Am Nachmittag stand dann eine Besichtigung des Hafengebietes mit dem Boot an. Diese wurde trotzt des nicht allzu schönen Wetters von zahlreichen der über 70 Teilnehmern genutzt, hatte man doch u.a. die Gelegenheit, in einem Dock die neue Yacht des russischen Milliardärs Roman Abramowitsch von weitem zu bestaunen. Am Abend gab es dann das traditionelle Wiedersehenstreffen im Restaurant SternChance, bei dem sich alte und neue Réseauisten bunt gewürfelt einem angeregten Meinungsaustausch widmen konnten.

Die Ausrichtung der Fachtagung Réseau franco-allemand lag dieses Jahr auf der deutschen Seite. In den bewährten Händen von ATICOM e.V., wurde sie von Marie-Noëlle Buisson-Lange organisiert mit der tatkräftigen Unterstützung des ADÜ Nord mit Natascha Dalügge-Momme bezüglich der Logistik an Ort und Stelle.

Am Samstag begann nach der Begrüßung durch Marie-Noëlle Buisson-Lange von ATICOM e.V. und Natascha Dalügge-Momme vom ADÜ Nord, die eigentliche Arbeit in Form von breitgefächerten Beiträgen.

Den Anfang machte Doris Grollmann (CBTIP) zum Thema Sprachnormung - und Freiheit des Übersetzers, welches sie anhand der juristischen Terminologie im belgi-schen Rechtswesen näher erläuterte. Sie postulierte, dass der Übersetzer selten frei in seiner Sprachwahl sei und eher dem Zwang der Terminologie unterliege. Allerdings treiben manche offiziellen Vorgaben regelrechte Stilblüten, wie das folgende Beispiel zeigt: "la dépossession = die Vertreibung aus dem Besitz" anstelle von "Enteignung". In der anschließenden, zuweilen kontrovers geführten Diskussion wurde deutlich, dass es manchmal doch eines gewagten Spagats zwischen den äußeren Zwängen und der angestrebten Freiheit des Übersetzers bedarf.

Carole Faux aus Österreich entführte uns in das Reich der Terminologie de la famille : un domaine en pleine expansion. Insbesondere aufgrund der rechtlichen Stellung von Familienmitgliedern sehen sich die Demographen gezwungen, auch neue Formen der familiären Bindung anzuerkennen und in der sprachlichen Wahl des Ausdrucks Diskriminierungen abzuschaffen. So hat sich inzwischen in vielen Wendungen das geschlechtsneutrale "parental" durchgesetzt. Zu den weiteren Neuerung zählen Begriffe/Benennungen wie "parent isolé = Alleinerziehende(r)", "assistante parentale = Tagesmutter", "cohabitants = Mitbewohner", "enfant né hors mariage = außerehelich" oder "co-parentalité = Co-Elternschaft". Auf jeden Fall war Carole der Meinung: "Le RFA, c'est une grande famille !".

Nach der Kaffeepause widmete sich Silvia Brügelmann (CBTIP) in ihrer gewohnt unterhaltsamen Art ihrem Steckenpferd der Neologismen im weitesten Sinne: Le vert est à la mode- Grün ist Trend, denn wir erleben eine richtiggehende "verdisation" der Sprache. Mit dem Greenwashing wollen sich aber viele Unternehmen nur grünwaschen (blanchiment vert/éco-blanchiment) oder ein grünes Mäntelchen umhängen. Auch greifen die métiers oder emplois verts immer mehr um sich oder man verschreibt sich dem Green New Deal. Silvia schloss mit dem süffisanten Spruch aus der Johnny Walker-Werbung: "Manche sind sich erst grün, wenn sie gemeinsam blau waren!"

Ein ernsteres Thema schnitt danach Dominique Bohère (ADÜ Nord) an: Les parti-cularités de l'interprétation en milieu psychiatrique. Sie schilderte uns in beeindru-ckender Weise ihre Tätigkeit im Strafrechtsbereich, bei der sie Psychiatern und Psy-chotherapeuten, den "psy", dauerhaft als Sprachmittlerin zur Seite steht, wobei sie aber auch Emotionen übertragen und das zwischen den Zeilen Gesagte übersetzen muss. Hier ist absolute Neutralität nach der Devise "dire ce qu'il est dit" vonnöten. Wenn es bei einem Schlagabtausch einmal richtig zur Sache geht, sollte man sich dabei am besten als "perroquet" verhalten. Dominique fühlt sich in ihrer Rolle sehr wohl und bezeichnet ihre Tätigkeit als "dankbare Aufgabe".

Anschließend berichtete Georgia Mais (ADÜ Nord) von ihren langjährigen Erfahrungen mit der Travail en tandem DE-FR/FR-DE - Optimale Zusammenarbeit und Ergänzung. Bei ihrer Arbeit im Duo, bei dem beide Parts vollkommen unabhängig voneinander sind, also kein gemeinsames Unternehmen oder eine Agentur führen, kommt es insbesondere auf die technische Genauigkeit und die Stilsicherheit an. Hier können beide jeweils ihre Stärken ausspielen und die Aufträge entsprechend aufteilen. Das für Georgia Wichtigste bei dieser Art der Kooperation ist vollkommenes Vertrauen, das sie mit den Begriffen "Respekt + Kompetenz + Persönlichkeit" umriss: den anderen respektieren und dessen Fähigkeiten und Persönlichkeit anerkennen. Damit hat sie sehr gute Erfahrungen gemacht.

Nicole Carnal (ASTII) machte uns nach der Mittagspause mit Fachbegriffen der Immobilienwirtschaft in der Schweiz bekannt. In Anlehnung an den Slogan eines bekannten Möbelhauses stellte sie ihren Beitrag unter das Motto Wohnst Du noch oder übersetzt du schon?Zu diesem Fachbereich war sie in den 90er Jahren durch Über-setzungen von Liegenschaftsveträgen gekommen und unterstützt jetzt die vielfältigen Akteure in der Immobilienwirtschaft wie z.B. Immobilienmakler, Hypothekenbanken oder Versicherungen mit sprachlich korrekten und ansprechenden Texten für Broschüren, Messepräsentationen oder Internetauftritte. In ihrem Beitrag ging sie u.a. auf begriffliche Abgrenzungen und gesetzliche Grundlagen in der Schweiz ein. Ihr Handout enthält eine Auflistung von Glossaren, die in der Schweiz, in Deutschland und in Frankreich im Internet aufzufinden sind.

Im abschließenden Beitrag befasste sich Philippe Callé (SFT, ASTTI) mit dem Parler marin - Humor auf See. Als Dolmetscher auf einem deutschen Kriegsschiff hatte er Gelegenheit, die sehr eigene Sprache auf See in beiden Kulturkreisen kennen zu lernen. Hierfür nannte er in seinen Ausführungen zahlreiche Beispiele, die er hoffentlich für die Veröffentlichung auf der Webseite von ATICOM zur Verfügung stellen wird. Wer weiß denn schon, dass die Landratte im Französischen "éléphant" heißt oder seekrank sein mit "compter ses chemises" umschrieben wird?

Zum Schluss wurde das Datum für das 18. RFA-Jahrestreffen festgelegt, das vom 28. bis zum 30.10.2011 voraussichtlich im belgischen Lüttich stattfinden wird. Das Treffen klang mit einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant Anleger 1870, eine in einen Brückenpfeiler integrierte, gemütliche Location, aus. Am Sonntag bestand dann noch Gelegenheit, bei einer Führung durch Hamburg die Hansestadt eingehender zu beäugen. Die bevorzugte Nachspeise der Norddeutschen hatte man schon vorher genießen können. Dreimal gab es zum Dessert rote Grütze, was unsere Kolleginnen aus Österreich dann doch veranlasste, auch von ihrer geliebten "Möhlspeise" vorzuschwärmen.

Das Jahrestreffen in Hamburg war wie immer eine Bereicherung in jeder Hinsicht, zu der nicht zuletzt das Organisationsteam beigetragen hat. Hierfür gebührt ihm unser herzlicher Dank!

Carlo karl-heinz.grigo@eon-ruhrgas.com