10. Jahrestreffen des Réseau franco-allemand

Avignon, Oktober 2003

Am Freitag, dem 17. Oktober abends rechtzeitig in Avignon anzukommen, um alle Teilnehmer von Anfang an kennen zu lernen, das hatte ich mir für meine erste Teilnahme am Treffen des Réseau franco-allemand vorgenommen. Allerdings dauerte die knapp 100 km lange Fahrt von Marseille-Marignane in die Stadt der Päpste länger, als ich eingeplant hatte, und die anschließende Suche nach einem Parkplatz war ein Alptraum (wer nach Avignon will, sollte sein Auto zu Hause lassen). Ich platzte also mitten in die "retrouvailles"in der Brasserie "Le Cintra" ein, in eine Gruppe von ca. 50 angeregt diskutierenden Personen. Ich suchte an den vollbesetzten Tischen vergebens nach einem bekannten Gesicht. Als ich aber Marie-Noëlle sah, wusste ich, hier bin ich richtig.

Das Réseau franco-allemand ist, so meine ich, eine verschworene Gemeinschaft von Übersetzern und Dolmetschern, deren Mitglieder dasselbe Interesse für Aspekte teilen, die an der Schnittstelle zwischen beiden Sprachen und Kulturen angesiedelt sind. Die Teilnehmer des Réseau, viele sind Freunde, treffen sich jedes Jahr und leuchten mit geteilter Begeisterung immer andere Facetten dieser äußerst fruchtbaren und unerschöpflichen deutsch-französischen sprachlichen und kulturellen Duplizität aus. Sie alle sind der Motor des Réseau franco-allemand und wohl auch das Geheimnis seines langjährigen Erfolges.

Das Samstag-Programm der Tagung im Petit-Louvre, in der Altstadt von Avignon war reichhaltig. Nach der Begrüßung durch Sabine Colombe, Vertreterin der SFT und Marie-Noëlle Buisson-Lange für ATICOM führte Sabine Kohl, Übersetzerin beim Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit, die ca. 60 Teilnehmer in die Terminologie des Arbeitsrechts und der Tarifverträge ein. Wer hat sich bei der Übersetzung ins Französische von Begriffen wie "vermögenswirksame Leistungen", "Entgeltumwandlung" oder "Manteltarifvertrag" noch nicht die Zähne ausgebissen? Es kamen viele spontane Vorschläge aus dem Teilnehmerkreis und mancher Begriff konnte, wenn nicht eins zu eins übersetzt, dennoch eng eingekreist werden.

Es folgte der Beitrag von Eliane Mau, freiberufliche technische Übersetzerin, über die Entwicklung des Offsetdruckes. Nach einem kurzen geschichtlichen Rückblick tauchte sie gleich tief in die Materie hinein, erläuterte mit sehr informativen Powerpoint-Folien und polychromen Druckvorlagen zum Anfassen beispielsweise die Technik des Quadrichrom-Drucks und veranschaulichte die Drucksequenzen in den vier Farben Gelb, Magenta, Cyan und Schwarz. Sehr interessant waren die deutschen Übersetzungen, mit denen Eliane Mau ihren Vortrag gekonnt spickte, bis hin zum Term "comportement amoureux"zwischen Tinte und Wasser, für den sich allerdings keine ähnlich romantisch anmutende deutsche Übersetzung finden ließ. Jeder konnte merken, dass Eliane Mau in der Drucktechnik zu Hause ist und ich kapitulierte irgendwann vor der Fülle der Informationen, die nur so aus ihrem Mund sprudelten. Eine sehr sachverständige und enzyklopädische Präsentation (www.tradtech.com).

Silvia Brügelmann zeigte eine Auswahl von französischen Neologismen aus Zeitungen. Ich fand, die meisten machten Sinn, wie z.B. "Webtrotteur" abgekupfert von "Globetrotteur", oder "espiogiciel", gebildet aus "espion" und "logiciel" zur Bezeichnung einer "Aushorch-Software". Allerdings räume ich "fracassac"(Bruch einer Autofensterscheibe zwecks Stehlens einer Handtasche) wenig Chancen ein, sich durchzusetzen.

Nicht zu vergessen ist der Hinweis von Patrick Bergen auf den Fichier Français de Berne und dessen neuen Internet-Anschrift "fichier-français.ch". Diese Kartei bietet Kontextbeispiele für die Anwendung von deutschen Wörtern oder Ausdrücken, die in Wörterbüchern vergeblich gesucht werden. Für den Term "Quereinsteiger" findet sich z.B. die interessante Übersetzung aus der Zeitung Le Temps: (...) un homme qui n´a pas suivi la filière habituelle.

Der Vortrag von Chantal Weyermann über die Terminologie der Post in der Schweiz rundete die Vormittagssitzung ab. In einem Land mit mehreren Amtssprachen wie die Schweiz müssen den terminologischen Fragen große Aufmerksamkeit gewidmet werden. Dies gilt auch für einen hundertfünfzigjährigen Betrieb wie die Post, in dem über die Terminologie eine Image-Erneuerung angestrebt wird. So werden die Postfilialen aufgrund ihres Dienstleistungsumfanges in drei Kategorien eingeteilt: P, PP oder PPP (in Anlehnung an die Klassifizierung innerhalb der Lebensmittelkette MIGROS - M - MM - MMM). Sie entließ uns zum Mittagessen mit der Frage: Bulle, Ochse oder Stier? Speck, Filet oder Schnitzel? Alles Namen aus dem schweizerischen Poststellenverzeichnis.

Nach einem exzellenten déjeuner provençalmit sehr angeregten Gesprächen waren wir um 14 Uhr mit Freddie Plassard und ihrem Vortrag über den translatorischen Ansatz in der Evaluierung von Übersetzungen verabredet. Die Aufgabe der Translatologie ist die Beschreibung aller Aspekte des Übersetzungsprozesses, die der Übersetzer durchführt, ohne daran zu denken. Anhand eines makrotextuellen Beispieles mit erster und zweiter Übersetzung veranschaulichte sie, dass translatorische Ansätze für die Evaluierung von Übersetzungen sehr wohl herangezogen werden können.

Nach einer kurzen Pause gab Sabine Colombe einen Überblick über die Arbeitsbedingungen freiberuflich tätiger Übersetzer in den französisch- und deutschsprachigen Ländern unter besonderer Berücksichtigung der Alters- und Invaliditätsrentensysteme in Frankreich und in Belgien. Der Tenor bleibt der gleiche: die sozialen Sicherungssysteme sind unzureichend geworden und müssen durch Eigenleistungen schon in jungen Jahren ergänzt werden.

Der Abend schloss mit einem Dîner im Opéra-Café und diente dem weiteren Austausch zwischen den Teilnehmern.

Am Sonntag, dem 19. Oktober stand eine Stadtbesichtigung auf dem Programm.

Alles in allem eine gelungene, bereichernde Veranstaltung, aus der ich viele Informationen mit nach Hause nehmen konnte, und eine gute Gelegenheit, "über den Gartenzaun" zu schauen. Gedankt sei allen Vortragenden für ihre Recherchen (es ist geplant, alle Beiträge auf der Homepage der SFTzu veröffentlichen) und den Organisatoren für den reibungslosen Ablauf der Veranstaltung. Je reviendrai.

Dr. Alain Antoine Paillet